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"Der Bürger will sehen, dass es funktioniert"

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24. September 2017, Nr. 38
Interview: pede

Ausgabejahr 2017
Datum 29.09.2017

Christoph Verenkotte, Amtschef

Politiker kommen und gehen, Verwaltung bleibt bestehen. Das ist ein Satz, der nach alter Bundesrepublik klingt, aber es gibt einen Weg, zu verstehen, wie richtig er ist: Man nimmt sich einen Tag Zeit und schaut sich an, was das Bundesverwaltungsamt (BVA) so macht. Denn die Behörde in Köln ist die wichtigste des Landes. Sie arbeitet für alle Ministerien des Bundes, und wie: Sie sorgt zum Beispiel dafür, dass Zehntausende Beamte, Soldaten und Angestellte ihr Gehalt bekommen.
Dass 830000 Schüler an deutschen Schulen im Ausland ordentlich lernen. Und dafür, das Bafög-Empfänger ihre Darlehen zurückzahlen - eine Aufgabe, die so unbeliebt ist, dass man sich im Bildungsministerium lieber  nicht damit beschäftigen will. Wir haben beim Chef des BVA, Christoph Verenkotte, nachgefragt, ob das Spaß macht.

Herr Verenkotte, Sie und Ihre Mitarbeiter übernehmen Aufgaben, die wichtig sind, aber nicht gerade spannend klingen. Wie motivieren Sie sich dazu?
Das ist ganz leicht. Es ist sehr motivierend, einen Beitrag dazu leisten zu dürfen, das was "läuft". Das Entscheidende ist doch die Umsetzung von Gesetzen - und genau das machen wir.
Wenn ein Text durch die Parlamente ist und die Verabschiedung des Gesetzes schon als politischer Erfolg gilt, dann fängt die Arbeit für uns erst an. Man muss zum Beispiel über Personal nachdenken, das eingestellt werden muss, über Software- und Organisationsprozesse. Ich bin selbst Jurist, aber die Juristen in der Politik sind meist der Auffassung, das Wichtigste zur Realisierung einer politischen Idee sei das Gesetz selbst. Dabei ist es für den Bürger letzlich egal, wie ein Gesetz formuliert ist. Der will sehen, dass es umgesetzt wird und dass es funktioniert.

Wann waren Sie das letzte Mal genervt von einer politischen Entscheidung und haben sich gedacht: Jetzt müssen wir das wieder umsetzen?
Genervt bin ich nie, aber es gibt Vorhaben, die es und Umsetzern schwermachen. Ich könnte jetzt sagen, dass das ganze viele sind oder ein praktisches Beispiel nennen.

Ist der elektronische Personalausweis so ein Beispiel? Sie haben darauf hingewiesen, dass nach sieben Jahren immer noch fast keiner die digitalen Funktionen nutzt.
Die Idee war sehr gut. Aber man hatte sie nicht hinreichend beworben und erklärt. Der Etat dafür wurde seinerzeit vom Parlament gestrichen. Manche Bürger verstehen Politik aber auch dann nicht, wenn sie gut erklärt wird. Sie schauen zu Recht auf die Umsetzung der Vorhaben. Und damit beschäftigt sich Politik oft viel zu wenig.

Sterben nicht jetzt schon zu viele politische Projekte, weil man sagt: Das ist sowieso nicht umsetzbar?
Nein, sehe ich nicht so! Viele Landräte, Bürgermeister und auch Behördenchefs bekommen in der Praxis Dinge hin, die am Anfang als schwierig oder nicht umsetzbar gelten. Manches ist aber auch wirklich nicht umsetzbar. Und wenn man Ideen nicht verwerfen kann, kann man nicht die beste Lösung finden.

Wenn Sie öffentlich so ein Prestigeprojekt wie den elektronischen Personalausweis diskutieren - ruft dann der Innenminister an?
Er lässt anrufen. Da gilt aber, wie in allen Themen: Wer ein gutes Argument hat, sollte sachlich dafür eintreten. Nur so bekommen wir die besten Lösungen hin. Da bin ich auch stets Anwalt und Schutzschild für meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Fängt man als Verwaltungsprofi irgendwann an, die Kurzatmigkeit der Politik zu belächeln?
Naja, die Politik muss Mehrheiten im Parlament finden und sich auch an Wahlen orientieren. Trotzdem: Manche Kollegen entwickeln tatsächlich so eine Art Zynismus. Ich meine: Das ist ein großer Fehler. Ideen kommen nach gewisser Zeit zwar wieder - aber es ist ja nicht so, dass sie dann auf die gleiche Wirklichkeit treffen. Eine Idee von vor zehn Jahren war damals vielleicht nicht passend, passt aber heute, weil die Gesellschaft sich verändert hat.

Denken Sie nicht doch manchmal: In vier Jahren will ich Kanzlerkandidat sein und selbst Politik machen?
Ich hatte neulich ein Treffen mit meinem Abiturjahrgang und wurde daran erinnert, dass ich in der Schule immer Bundeskanzler werden wollte. Aber Chef des BVA zu sein ist mindestens genauso schön.

Mindestens genauso?
Mir macht meine Aufgabe Spaß. Ich kann gestalten, meine Behörde in die digitale Welt führen, und ich habe eine tolle Mannschaft! Viele vergessen auch: Politiker zahlen für ihr Engagement einen hohen Preis. Das ist ein Knochenjob.