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Futuristisches schießt aus dem Gras der Steppe

Datum 25.11.2013

Tanja Unterberg-Ogalla Rodríguez ist Fachschaftberaterin an den Schulen 46 und 67 in Astana/Kasachstan.

Eine sehr hohe Mütze eines kasachischen Polizisten war das Erste, was mir schräg ins Auge fiel, als wir, mein spanischer Ehemann und ich, mit müden Augenlidern um 3 Uhr morgens Ortszeit in Astana/Kasachstan am Flughafen ankamen.

Erleichtert waren wir Sekunden später, dass uns Pawel, einer von drei europäischen Franziskanerpatern, die hier in Astana tätig sind, aufgrund eines Fotos, das wir vorsichtshalber ausgetauscht hatten, gleich am Flughafen erkannte und uns zu unserer ersten Wohnung brachte, die wir in Astana anmieten sollten (zu dem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, dass wir noch viermal wechseln würden). Pawel dirigierte uns, als würden wir uns seit Jahren kennen, zu seinem Auto, schlug die Klappe hinter einem unserer sperrigen Koffer zu und pfiff einen kasachischen Taxifahrer heran, der meinen Mann und einen zweiten Koffer zu unserer neuen Bleibe bringen sollte.

Den ersten Tag nutzten wir zur Erkundung der Stadt, wobei weniger die Stadt als das rege Menschengewimmel in den Straßen uns zum Erstaunen brachte, die asiatischen Gesichter und das Sprachgewirr aus Kasachisch und Russisch auf der Straße, das alles war schon sehr fremdartig.

Erste Schritte in Richtung Schule

Skyline von Astana Tanja Unterberg Rodriguez FSB AstanaQuelle: Tanja Unterberg-Ogalla Rodriguez

Am nächsten Morgen ging ich bereits zur Schule, auch wenn die Kolleginnen Herbstferien hatten, wollte ich doch die Gelegenheit ergreifen, mich der Schulleiterin vorzustellen und die Arbeit in Angriff zu nehmen. Die Schulfassade und die umliegenden Häuser kamen uns bekannt vor, weil unser umsichtiger Freund Pawel uns Fotos von der Schule und der Umgebung zugeschickt hatte, um uns genau diesen Fremdheitseffekt zu nehmen.

Beim Betreten der Schule fühlte ich sofort eine Vertrautheit mit dem Gebäude und der Materie, denn Schule ist tatsächlich Schule, überall auf der Welt. Es muss die Mischung aus Fotos von Schülern in Siegerpose, Kreidestaub und gern auf Treppengeländern herunterrutschenden Mädchen und Jungen sein, die uns Lehrer das Ambiente auch mit geschlossenen Augen fühlen lässt. Ich wurde selbst von der Hausmeisterin, die treu über den Eingang und die eintretenden Menschen wacht, auf Deutsch begrüßt und sofort an die Schulleiterin weitergereicht.

Die nächsten Tage und Wochen vergingen schnell wie ein Wimpernschlag, es fällt schwer, sich an den genauen Ablauf der Ereignisse zu erinnern. Durch einen guten Kontakt zu meiner Fachberaterin, Frau Woitsch, und zu meinen Vorgängern hatte ich Gelegenheit gehabt, viele konkrete Fragen zu den Arbeitsabläufen bereits in Deutschland zu klären.

Stramm stehende Schülerinnen und Schüler in weinroten Schuluniformen

Mit einem frisch ausgedruckten Stundenplan stand ich am Montag vor meinen ersten kasachischen Schülergruppen, die mich zurückhaltend und sehr diszipliniert in ihren weinroten Uniformen begrüßten. Aufgrund der großen Zurückhaltung und des anfangs greifbaren Schweigens meiner Schülerinnen und Schüler, die in ordentlichen Sitzreihen ohne Blickkontakt zueinander saßen, konnte ich mir tagelang nur schwer ein Bild von meinen neuen korrekten Schützlingen machen, die ich mit allen möglichen kreativen Aufgaben aus ihrem Kokon zu locken versuchte. Sie blinzelten kaum, wenn ich mit einer neuen Aufgabe anrückte, beantworten meine Fragen möglichst neutral und waren mir einfach nur ein Rätsel. Die 11er Schülerinnen und Schüler, die kurz vor der DSD II Prüfung standen, kamen, je näher der Prüfungstag kam, dann doch auf einmal stärker aus sich heraus, mein Angebot, mündliche Kurzvorträge auszuwerten, erstaunte sie, sie hätten nicht gedacht, dass sie bei der Kritikrunde auch das äußern durften, was ihnen nicht gefiel. Natürlich versuchte ich auch noch an anderen Fähigkeiten zu feilen, aber da meine Vorgänger sehr gute Arbeit geleistet hatten, sah ich meine Aufgabe vier Wochen vor der Prüfung vor allem darin, auf bestehende Unsicherheiten und Fragen zu reagieren und den Unterricht den Schülerbedürfnissen anzupassen. Einigen war die Struktur der schriftlichen textgebundenen Erörterung noch nicht ganz klar, andere wollten noch mal ihr Hörverstehen oder ihr Leseverständnis trainieren, ich sah darin kein Problem, da ich in Deutschland bereits jahrelang an einer Privatschule Deutsch als Fremdsprache unterrichtet hatte und mir der DaF-Bereich absolut nicht fremd war.

Vor Weihnachten war das Eis halb gebrochen, fand ich, aber es wunderte mich dennoch, dass ich die Schülerschaft noch nicht ganz erobert hatte, obwohl mein inneres Motivationsfeuerchen hochkochte und ich wirklich alles gab, um das permanente Glatteis auf den Straßen und zwischen mir und den Schülerinnen und Schülern zu sprengen.

Schicksalhaftes kollegiales Lachen

Vergessen werde ich nie, dass ich bereits bei der ersten Zusammenkunft mit meinen neuen kasachischen Kolleginnen so herzlich zu Tee und Plätzchen in die kleine, an das Deutschlehrerzimmer angrenzende Küche eingeladen wurde, dass ich nach Minuten mit den Kolleginnen zusammen so laut lachte, dass ich mich selbst beim Lachen beobachtete. War ich wirklich erst drei Tage an dieser Schule? Diese Menschen waren mir gleich so nah, als wenn das Schicksal ein Zusammentreffen gutmütig in die Wege geleitet hätte. Der Blick in den Spiegel des Lehrerzimmers bewies, ich saß nie mehr als 20 Zentimeter von meinen Kolleginnen entfernt, obwohl das Lehrerzimmer großzügig bemessen ist. Diese blitzschnelle Integration in eine bestehende Gemeinschaft, die durch eine unglaubliche Freundlichkeit und Wärme von Seiten meiner Deutschkolleginnen ausgelöst wurde, tat der Seele gut. Diese kasachischen Kolleginnen sollten von der ZfA in Köln einen Preis für interkulturelle und emotionale Intelligenz bekommen, denn sie haben mir nie das Gefühl gegeben, ein Störfaktor zu sein. Wir sind ein Team.

Die Tage, Wochen und Monate vergingen. Ohne die Hilfe der Fachleiterin von der kasachischen Seite hätte ich die Gänge zu den kasachischen Behörden, die zur Anmeldung unseres Aufenthalts in Astana nötig waren, kaum überstanden. Man muss wissen, dass hier nichts ohne bestimmte Papiere geht – aber geht das noch irgendwo auf der Welt? Meine Fachleiter-Kollegin bugsierte mich und meinen Mann siegessicher über alle verwaltungstechnischen Klippen.

Die wechselnden Farben des Himmels

In den ersten Monaten sah ich zwar, wie die Farben des Himmels sich mit steigenden Temperaturen bis zu 40° minus veränderten, das spiegelte sich aber eher in der blankgeputzten Oberfläche meines Schreibtisches in dem kleinen Schularbeitszimmer als in den Blicken nach oben. Für die Betrachtung der Natur blieb wenig Zeit, die neuen Herausforderungen mussten bewältigt werden. Mein Mann und ich hatten von der angrenzenden Steppe gehört, die von der Sehenswürdigkeit, dem Baiterek Turm aus, im Winter bei klarem Wetter zu sehen sein sollte, aber wir konnten erst monatelang später im Frühling den Turm besuchen und einen freien Blick auf die imposante Steppe erhaschen.

Auf den Boden der Tatsachen stellten mich tagtäglich meine neuen Aufgaben als Fachschaftsberaterin, die, je besser ich alles verstand, sich ebenso wie die Steppenlandschaft immer weiter vor meinen Augen ausdehnten, denn jetzt hatte ich wirklich begriffen, wie viel Verantwortung mit der Aufgabe verbunden ist.

Frühlingsgesichter

Wurzeln schlagen: am See von Borovoje, ca. 300 km entfernt von Astana Tanja Unterberg Rodriguez FSB AstanaQuelle: Tanja Unterberg-Ogalla Rodriguez

Erst im Frühling, als die größte Wucht der Arbeit mit der Abwicklung meiner ersten DSD-II-Prüfungen und den Niveaustufenprüfungen bewältigt war, ging mir so richtig auf, wie die Gesichter der Schülerinnen und Schüler strahlten, wenn sie zu mir in die Klasse kamen, in ihr Kabinett, wie diese Raum fürstlich genannt wird. Dieser Raum darf freizügig ausgestaltet werden. Bei mir stehen Pflanzen auf dem Fensterbrett, die mir meine kasachischen Kolleginnen geschenkt haben, an den Wänden hängen Deutschlandkarten und -poster, aber das Beste sind und bleiben die aufgeräumten und aufgetauten Gesichter der Schülerinnen und Schüler, auf die jetzt vehement etwas von dem übersprang, was ich mir am Anfang im November 2012 gewünscht hatte, was damals aber nicht zu haben war, weil die Skepsis gegenüber der neuen Fachschaftsberaterin überwog.

Inzwischen hat sich alles verändert. Wir haben die Steppe gesehen (ja, sie ist tatsächlich so weit und beeindruckend, wie gesagt und geschrieben wird), wir sind auf den Baiterek geklettert (ja, wirklich sehr empfehlenswert, denn von oben sieht man die Stadt wie ein buntes Spielfeld aus Altem und Neuem, wobei die Bauwerke rund um den Baiterek in ihrer Modernität auch die erfahrensten Globetrotter umhauen), wir haben einen Fitnessclub gefunden, in dem wir uns auch ohne Kasachischkenntnisse sprachlos austoben können – aber diese Veränderungen wären null und nichtig, wenn sie nicht in Balance zu dem völlig veränderten Verhältnis zu der Schülerschaft ständen.

Gezähmt-wilde Wildpferde

Die Schülerinnen und Schüler sind jetzt für mich wie gezähmte Wildpferde, die ihre Wildheit wiederentdeckt haben, wenn ich ihnen erlaube, sich in Debatten rhetorisch auszutoben, sie planen den Unterricht mit, indem sie mir ihre Ideen per Mail zuschicken, sie reißen sich um die Moderation, wenn sie hören, dass uns eine Delegation aus Deutschland besucht, sie bauen Messestände, um ihre fiktiven alternativen Schulen vorzustellen, sie diskutieren mit Politikern aus Deutschland über das deutsche und das kasachische Ausbildungssystem, als wenn sie ihr ganzes Leben lang auf diesen Moment gewartet hätten, und sie motivieren mich unendlich, wenn sie mir vor den Sommerferien sagen, dass sie hoffen, dass ich nach den Ferien wiederkomme und sogar wagen, eine leichte Umarmung von ihrer Seite anzudeuten. Wer solche Schüler unterrichten darf, weiß, dass sich jeder Schritt lohnt, um in einem Land anzukommen, in dem die Schülerinnen und Schüler wissbegierig und diszipliniert und dankbar und unendlich motiviert sind, um ihr Ziel zu erreichen.

Semper aliquid haeret

Auch wenn es manchmal nicht einfach ist, die unterschiedlichen Schulstrukturen anzunehmen, so ist ein solcher Auslandsarbeitsaufenthalt, ganz zu schweigen von den landestypischen Sehenswürdigkeiten und den kulturellen Überraschungen, auf jeden Fall empfehlenswert, weil man menschlich gesehen innerlich unglaublich wächst.

Semper aliquid haeret, ja, einiges wird hängenbleiben, wenn man irgendwann geht.
Könnte ich es einrichten, nähme ich die Schülerinnen und Schüler und die Kolleginnen an einen neuen Einsatzort in einigen Jahren mit.

Tanja Unterberg-Ogalla Rodríguez