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Endlich Indien!!

Datum 24.06.2015

Sonja Riedel unterrichtete von Juli 2013 bis Juli 2015 als Bundesprogrammlehrkraft Deutsch in Indien.

Ich weiß nicht, warum, aber es hat mich immer schon nach Indien gezogen. Dabei hatte ich von Indien keine Ahnung, ich wusste nur, dass ich hinwollte. Nach meiner Bewerbung bei der ZfA kamen auf einmal Stellenangebote aus der ganzen Welt herein, jeden Tag etwas anderes: Chile, Kairo, Bulgarien… auf einmal: Indien. Das war wie ein kleiner Blitzschlag. Indien. Endlich.

Aber ich habe nicht direkt die Koffer gepackt, ich habe erst einmal viele, viele Bedenken gehabt. Wenn man bei uns die Zeitungen liest, hat man gerade den Eindruck, für Frauen ist Indien halb lebensgefährlich. Und ich wollte schließlich allein gehen. Ich hatte ein sehr ungutes Gefühl, habe recherchiert, gelesen und Bilder geschaut. Dann habe ich das Gefühl schließlich eingepackt und bin losgeflogen.

Das Fazit zuerst

StraßenszeneQuelle: Sonja Riedel

Falls ihr euch mit dem Gedanken tragt, nach Indien zu gehen, dann wollt ihr bestimmt zuerst wissen: Und wie war es jetzt? Toll!! Nach Indien zu gehen, war die beste Entscheidung, die ich hätte treffen können! Ich habe hier so viel gelernt und so tolle Menschen getroffen, ich würde jederzeit wieder gehen. Aber, auch das muss man sagen, es war nicht immer einfach.

Zunächst muss man sagen, dass Indien für Menschen, die Wert auf Ordentlichkeit, Sauberkeit, Ruhe und hohen Lebensstandard legen, vermutlich eine Herausforderung ist. Man muss definitiv krach-, müll-, menschenmassen- und chaosunempfindlich sein. Indien ist ungefähr genau das Gegenteil eines dezenten Engländers. Ich mochte das Chaos aber intuitiv gerne! Regeln? Für Anfänger. Irgendwie funktioniert alles doch immer. Gelassenheit hilft. Und Indien hat mich begeistert!

Und dann ist es so: Indien ist riesig und unterschiedlich. In manchen Staaten ist es absolut sicher und in manche Staaten muss man eben auch nicht hingehen. Ich habe mich immer sicher gefühlt, habe mich aber auch an ein paar Vorsichtsmaßnahmen gehalten, den Rat von Kollegen eingeholt und habe – zusammengefasst – einfach gesunden Menschenverstand benutzt. Und damit bin ich weit gekommen und sicher durchs Land gereist.

Indiens Schatz sind die Menschen

Indien hat auf jeden Fall die herzlichsten Menschen, die ich je kennengelernt habe. Die Gastfreundschaft ist enorm, die Hilfsbereitschaft riesig, die Menschen freuen sich über Europäer, alles Westliche ist toll, spannend, die Leute sind neugierig und offen.

Alles ist möglich in Indien, sagen die Inder. Inder kommen mir unheimlich kreativ vor und egal, um was es geht, es gibt immer irgendwie einen Weg. Ein bisschen Kompromissbereitschaft schadet aber nicht. Deutsches Brot wird man vergeblich suchen und manche Hobbies gibt es nicht. Doch es findet sich immer etwas und vielleicht auch etwas Neues? Yoga? Bollywood-Tanzen? Ehrenamtliche Arbeit?

Das Land

Entspannen in KeralaQuelle: Sonja Riedel

Toll! So riesig und unterschiedlich! Es gibt alles, tropische Palmenstrände, Wüsten, Dschungel, Steppen, Meer, Gebirge, Monsun, Sommer, Schnee, Apfelbäume, Mangohaine, Teeplantagen, Löwen, Tiger, Elefanten, Pfauen, das Leben kostet nicht viel, man kann sich alles anschauen und überall trifft man interessante Menschen, ein Meer von Farben und Gewürzen wartet, das Obst schmeckt tausendmal süßer als in Deutschland, es gibt ganz anderes Gemüse, es war spannend! Eine Taxifahrt ist wie Urlaub, man sieht so viel, in einer Stadt wie Mumbai gibt es so viel Leben und alles ist ganz anders als in Deutschland. Das Leben findet auf der Straße statt, alle möglichen Händler bevölkern die Wege. Das ist phantastisch!! Ich kann es nicht anders beschreiben! Kommt!

Das Wetter

Weil Indien so groß ist, kann man nichts pauschal über das Wetter sagen, außer: Freut euch auf zwei Jahre Sommer! Es gibt eine Regenzeit, ein paar Wochen Regen, das ist auch sehr spannend und regional sehr unterschiedlich. Am besten kauft ihr Badelatschen für die Zeit und habt Spaß. Im Mai wird es überall sehr heiß, aber dann beginnen eure Sommerferien. Winter hat in meiner Ecke von Indien bedeutet, dass man für sechs Wochen morgens Socken und einen Pullover getragen hat; der Winter ist wirklich sehr angenehm. Je nachdem, wo ihr hinkommt, wird es ein bisschen unterschiedlich sein, aber auf jeden Fall gut!

Und nun zur Arbeit

Ich war nicht an einer Deutschen Auslandsschule, sondern an einer durch die ZfA geförderten indischen DSD-Schule auf dem Weg zum Deutschen Sprachdiplom der Kultusministerkonferenz (DSD) und hatte dort fast ausschließlich indische Kollegen. Ich habe dadurch vermutlich viel tiefere Einblicke in das Leben der Menschen in Indien bekommen, als das mit deutschen Kollegen möglich gewesen wäre. Die Arbeitskultur an indischen Schulen ist aber sehr anders und auch hier ist es wieder gut, wenn man sich leicht umstellen kann und flexibel ist. Die meisten indischen Lehrer haben hervorragendes Englisch gesprochen und alle haben sich über ein paar Brocken Hindi gefreut.

Das Schulsystem war auch ein ganz anderes. Zuvor habe ich nicht gewusst, dass es auf der ganzen Welt IB-Schulen gibt, die alle die gleiche Struktur haben. Die Kinder an solchen Schulen haben einen sehr internationalen Hintergrund, sind in Japan aufgewachsen, England oder Afrika, sprechen viele verschiedene Sprachen und haben viel zu erzählen! Das war sehr spannend! Ich habe viel gelernt und bin von dem IB-System ehrlich begeistert! Hier zu arbeiten hat meinen Horizont auf jeden Fall erweitert.

Meine Schule lag in einer Kleinstadt, doch gibt es dort einige deutsche Firmen, für die zum Teil die Eltern meiner Kinder arbeiten. Meine Klassen waren deutlich kleiner als Deutschklassen in größeren Städten, doch die Kinder, die Deutsch als Fremdsprache gewählt hatten, waren sehr motiviert. In der Regel waren die Kinder mehr oder weniger Anfänger in Deutsch, doch auch das war herausfordernd. So viel es ging habe ich im Unterricht auf Deutsch gesprochen, ohne dass die Kinder schon viel Deutsch konnten. Manchmal musste ich mir auf die Zunge beißen, um nicht ins Englische zu rutschen. Bei jungen Schülern waren meine Methoden sehr spielerisch, was gut ankam. Begeistert waren die Kinder auch von authentischen Materialien, Magazinen, Werbeprospekten, Fotobüchern, Liedern und anderem. Für sie ist Deutschland weit weg und exotisch. Echte deutsche Dinge waren der Hit.

Auf dem Weg zum Tempel in Pavagadh Sonja Riedel BPLK IndienQuelle: Sonja Riedel

Da meine Schule eine internationale Schule war, konnten Kinder jederzeit im Schuljahr dazukommen, je nachdem wann ihre Eltern geschäftlich in Indien zu tun hatten oder von ihren Firmen geschickt wurden. Das war für den Unterricht eine Herausforderung, denn so waren in meinen Klassen die Schüler nur im Ausnahmefall auf einem Level. In der Regel hatte ich zwei oder drei verschiedene Sprachniveaus in einer Klasse und musste mir Ideen ausdenken, zu differenzieren, bzw. unterschiedliche Niveaus gleichzeitig zu unterrichten. Ich habe auch verschiedene Klassenarbeiten erstellt und unterschiedliche Tests gemacht. Auch in kleinen Klassen bedeutete das einige Arbeit, wobei aber weniger Klassenarbeiten geschrieben wurden als an deutschen Schulen.

Eigentlich kein Kind an meiner Schule hatte nähere Erfahrung mit Deutschland oder Deutschen gemacht. Für sie war ich "die Deutsche". Jede meiner Eigenschaften wurde damit "typisch deutsch". War ich cool, war Deutschland cool, hatte ich eine blöde Frisur, hatten alle Deutschen einen merkwürdigen Geschmack. Weil ich exotisch war, waren die Schüler neugierig. Das war eine schöne und lustige Erfahrung.

Ich habe zwar Germanistik studiert und bin daher von meiner Ausbildung her gesehen eine "richtige" Deutschlehrerin, allerdings hatte ich bisher noch nie Deutsch als Fremdsprache unterrichtet. Das ist doch noch einmal anders. Dinge, die mir als Muttersprachlerin selbstverständlich waren, wurden auf einmal gefragt und hinterfragt. Man kann z.B. schon mal länger überlegen, wann zum Beispiel man in Deutsch "kein" sagt und wann "nicht" und wo das "nicht" denn eigentlich im Satz so stehen kann. Deswegen finde ich nicht, dass es notwendig ist, dass man Deutschlehrer ist, um Deutsch als Fremdsprache zu unterrichten. Mir war das genauso neu wie einem Mathelehrer und vermutlich wäre es Englisch- oder Französischlehrern sogar leichter gefallen. Wer schon mal eine Fremdsprache unterrichtet hat, kennt ja die Methodik. Deswegen möchte ich allen fachfremden Lehrern Mut machen, sich an Deutsch als Fremdsprache heranzutrauen. Ihr macht bestimmt einen tollen Job! Lasst euch drauf ein, es wird spannend!

Freunde

Ich habe in Indien liebe Freunde gefunden! Der Zusammenhalt war gerade unter den Sprachen-Kollegen besonders eng und es sind spannende Freundschaften entstanden! Wir konnten den Stoff zusammen planen, denn die Themen und Deutsch und Französisch ähneln sich sehr. Nach der Schule haben wir uns besucht und eine großartige Zeit miteinander verbracht! Auch durch meine Hobbies habe ich tolle Freunde gefunden und insgesamt waren alle Menschen unheimlich interessiert und freundlich. Es gab in meiner Stadt wie vermutlich in jeder größeren Stadt auch eine kleine Expat-Community, wo sich einmal wöchentlich die anderen Europäer zum Schwimmen und Fußball-Spielen getroffen haben, überwiegend Ingenieure und deren Freundinnen und Frauen. Man ist also nicht allein und findet Leute, wenn man sie sucht. Trotzdem finde ich: Indische Freunde sind am besten und am spannendsten!

Und nun zurück zum Fazit

Wenn ihr Lust auf etwas Neues habt und euch auf Abenteuer freut, kommt nach Indien! Ihr werdet herzlich aufgenommen in einem Land, das euch mit Eindrücken überflutet und ganz bestimmt verändert. Dann kommt ihr ein bisschen indisch zurück – oder ihr bleibt vielleicht ganz.

Sonja Riedel