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Rückkehr zu den eigenen Wurzeln – in deutscher Kulturmission

Datum 21.02.2014

Die hessische Landesprogrammlehrkraft Richard Guth berichtet über seine Erfahrungen am József-Eötvös-Gymnasium Totis und am Mihály-Táncsics-Gymnasium Moor in Ungarn.

Das Vorbild

Die erste, wenngleich indirekte Begegnung mit der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) liegt gut zwanzig Jahre zurück. Ich war damals fünfzehn und begann gerade meine gymnasiale Schullaufbahn an einem vierjährigen ungarischen Gymnasium, in diesem Falle an einer Bildungseinrichtung der deutschen Minderheit. Die Vertreterin der deutschen Auslandsschularbeit war eine Dame von der Insel Rügen, die uns Erdkunde unterrichtete. In den vier Jahren traf ich dann auf drei weitere Programmlehrkräfte, die allesamt so ganz anders unterrichteten als unsere einheimischen Lehrerinnen und Lehrer. Ich erinnere mich noch gut an die hochphilosophischen Diskussionen (völlig unbekannt im ungarischen Schulbetrieb von damals) oder vielmehr Dreiergespräche mit Herrn Schubert über den Sinn unseres Daseins, was mich doch so geprägt hat. So fiel die Entscheidung nach Studium und Referendariat in Düsseldorf sowie Unterrichtseinsatz im hessischen Schlüchtern selbstbewusst und voller Überzeugung, Anfang 2011 um eine Aufnahme ins Lehrerentsendeprogramm zu bitten.

"Guten Tag, Herr Lehrer!"

Richard Guth bei einem VortragQuelle: Richard Guth

Dabei reizte mich die Aufgabe, im Ausland zu unterrichten, von Anfang an. Nicht zuletzt, um zu überprüfen, was sich in den letzten fünfzehn Jahren seit meiner Reifeprüfung verändert hat, sowohl im Unterrichtsalltag als auch das soziale Miteinander betreffend auf diesem beliebten Experimentierfeld ungarischer Politik (immerhin eine Gemeinsamkeit mit Deutschland). Und dies an zwei Einsatzorten (in Tata und Mór) gleichzeitig.

Vorneweg: Es hat sich viel getan. Denn: Die Schülerinnen und Schüler sind optisch und oft hinsichtlich ihres Verhaltens kaum (noch) von ihren deutschen Altersgenossen zu unterscheiden, dennoch verwahre ich mich hier der Verallgemeinerung: In Ungarn gibt es genauso wie in Deutschland fleißige, aber auch ökonomisch denkende, höfliche, aber auch etwas vollmundigere, aufgeschlossene oder auch nur mitläuferische, ehrgeizige oder schlicht zurückhaltende Schülerinnen und Schüler. Der Mythos von dem vermeintlich "pflegeleichteren" ost- und mitteleuropäischen Schüler ist ein Vorurteil und war es auch bereits zu der Zeit, als ich in Ungarn zur Schule ging. Dennoch neigt man in Ungarn (eher als in Deutschland) dazu an Ritualen festzuhalten: So wird der Lehrer mit "Guten Tag, Herr Lehrer!" begrüßt, eine Grußformel, die wir allenfalls nur noch aus Michael Hanekes Meisterwerk "Das weiße Band" kennen. Oder das obligatorische Melden des Schülers, der den wöchentlichen Ordnungsdienst erledigt, zu Beginn der Stunde über fehlende Schülerinnen und Schüler.

Am sympathischsten erscheint doch noch das Aufstehen zu Beginn der Unterrichtsstunde, um seinen Respekt dem Lehrer gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Zum Glück bleibt es dennoch jedem selbst überlassen, ob er diese Rituale pflegt (bzw. pflegen lässt) oder nicht.

Wandel unterstützen

Auch im Unterrichtsalltag ist der Wandel spürbar, wenngleich das kooperative, kompetenzorientierte Lernen mit dem wissensvermittelnden noch zähe ringt. Das liegt aber in der Verantwortung der Bildungspolitik und gerade die Entwicklungen der jüngsten Zeit zeigen nicht in Richtung einer Entschlackung der Lehrpläne. Nur ein Beispiel: So darf ein Schüler des deutschen Nationalitätenklassenzuges, eine Bildungsform für Angehörige der deutschen Minderheit oder interessierte Nichtdeutsche, in den letzten beiden Jahren vor dem Abitur 15 Ganzschriften für den (je nach Schulform) zwei-, drei- oder vierstündigen Literaturunterricht vorbereiten – das würde auch für einen Muttersprachler eine besondere Herausforderung darstellen. Gerade hier, in der Unterrichtsgestaltung, können und sollen wir deutschen Gastlehrer Akzente setzen und Impulse geben, um die Kolleginnen und Kollegen zu ermuntern, durch Offenheit und besondere Lernarrangements die Schüler zu mehr Eigenständigkeit zu erziehen und sie so auf das Leben vorzubereiten. Deshalb leistet das Deutsche Sprachdiplom durch seine starke Kompetenzorientierung zweifelsohne einen großen Beitrag, denn es bedeutet gleichzeitig auch einen Mentalitätswandel, den man begleitet und von dem man selbst ein Teil ist.

Doch nur ein Kollege

Gruppenbild mit Schülern in Wien Richard Guth LPLK UngarnQuelle: Richard Guth

Die größte Angst bereitete mir vor dem Eintreffen an meinen beiden Dienstorten die Frage nach der Aufnahme durch die Kolleginnen und Kollegen. Auch ganz unbekannt blieben meine Herkunft und meine ungarischen Sprachkenntnisse den Kolleginnen und Kollegen, und auf unerklärliche Weise auch der Schülerschaft, nicht verborgen. Trotzdem blieb ich ein oder der Gastlehrer, den man von Anfang an stets mit Respekt und einer gehörigen Portion Distanz behandelte. Was dennoch keine Ausgrenzung bedeutete: Unsere Zusammenarbeit zeichnet sich seither durch herzliche Kollegialität aus. Dies gilt selbst für das Verhältnis zu den Mitgliedern beider Schulleitungen, was sich auch durch das gegenseitige Duzen offenbart. Sicherlich war es nicht verkehrt, Angebote zu unterbreiten, die der ganzen Schulgemeinde zugute kommen: So organisierte ich dieses Jahr zum dritten Mal für die Schulgemeinde einer meiner beiden Einsatzschulen eine Exkursion nach Wien, an der anderen Schule fand unter meiner Regie ein Europatag mit Vorträgen und Workshops statt.

Aber was wäre all dies ohne das "Backoffice", das zweifelsohne die deutschen Kolleginnen und Kollegin und die beiden ZfA-Fachberater in Budapest für einen darstellen. Die Zusammenarbeit beschränkt sich dabei nicht ausschließlich auf die DSD-Prüfungstätigkeit, sondern erstreckt sich genauso auf gemeinsame Programmlehrerseminare wie die Teilnahme an Ausstellungen und Projekten (betreut unter anderem von der ZfA). Der rege Erfahrungsaustausch untereinander hilft dabei, Probleme und Schwierigkeiten professionell zu bewältigen.

Unsere Rolle

Schüleraustausch mit DeutschlandQuelle: Richard Guth

Wir Gastlehrer sind stets nicht nur als Lehrkräfte sondern auch Kulturvermittler, und dies im wahrsten Sinne des Wortes. "Du sollst ein Stück Deutschland in den Unterricht bringen!", heißt es so oft in Gesprächen. Und so erscheint es als eine Selbstverständlichkeit, die Schülerinnen und Schüler bei der Suche nach ihrem Stück Deutschland zu unterstützen: Sei es bei der DSD-Betreuung, der Vorbereitung auf den Wettbewerb "Lesefüchse", bei der Studienberatung oder der Organisation von Schüleraustauschprojekten und Sommeraufenthalten in Deutschland.

Denn es gibt nichts Schöneres, wenn man sieht, dass sich Schüler auf den gleichen Weg begeben wie ich vor mittlerweile siebzehn Jahren. Dabei kann der Weg so verschieden sein – eins bleibt dennoch: Die Begegnung mit einer fremden Kultur, die man nach einer gewissen Zeit als ein Stück von sich selbst betrachtet.

Richard Guth