Herzlich Willkommen auf der Homepage des Bundesverwaltungsamtes

Themenlogo ZFA
Teaser D4 Bild

Ningbo – Die "ruhige Welle" am Ostchinesischen Meer

Datum 09.03.2016

Als ich meine Bewerbung bei der ZfA im Dezember 2012 abschickte, konnte ich es knapp drei Monate später gar nicht glauben, als eine konkrete Anfrage für China erfolgte. Nach einigem Email-Verkehr stand dann aber schnell fest, dass ich für zwei Jahre als Bundesprogrammlehrkraft nach Ningbo gehen würde, eine Küstenstadt am Ostchinesischen Meer mit gerade einmal sieben Millionen Einwohnern. Also in eine der kleineren Städte in dem viertgrößten Land der Erde, von der ich noch nie zuvor gehört hatte.

Liebt man in Deutschland seine Privatsphäre, existiert diese Art der Lebensführung in China erst gar nicht. Alles wird im Gruppenverband unternommen. Gesellschaft und viele Menschen sind ein Ausdruck von Freude und Gemeinschaftlichkeit. Daher wird der Sport in den frühen Abendstunden auch gemeinsam an öffentlichen Plätzen ausgeübt - natürlich unter der obligatorischen musikalischen Dauerbeschallung und ob Restaurantbesuch, ein Spaziergang im Park oder der Einkauf in einem der vielen Einkaufszentren, alles wird im Familienverband oder mit vielen Freunden oder Kollegen unternommen. Wer also gerne seine Ruhe hat und zurückgezogen lebt, sollte ein anderes Land wählen. Zudem ist China sehr laut, chaotisch und schmutzig, dagegen aber auch vielfältig, bunt und überaus hilfsbereit und freundlich.

Offen, zuvorkommend und hilfsbereit

Unter dem beschriebenen Aspekt der Gemeinschaft wurde ich nun auch in Ningbo empfangen, denn es gab in den ersten Wochen keine freie Minute, in der ich allein war. Natürlich gibt es am Anfang genug zu organisieren wie eine Wohnung suchen, ein Bankkonto eröffnen oder einen Handyvertrag abschließen. Aufgrund der Sprachbarriere – meine Chinesischkenntnisse waren de facto nicht vorhanden – brauchte ich zunächst für alles fremde Hilfe und so war ich immer in Begleitung unterwegs, die meine chinesischen Kollegen aber wie selbstverständlich anboten. Das gestaltete die erste Zeit in einem so fremden Land als sehr angenehm und warmherzig. Mein chinesisches Umfeld habe ich als sehr offen, zuvorkommend und hilfsbereit kennengelernt, das mir durchweg in allem unterstützend zur Seite stand. Nach kurzer Eingewöhnungsphase konnte ich nach und nach vieles auch allein regeln und organisieren.

Das Deutschteam Ramona SchaftQuelle: Ramona Schaft

Daneben gibt es bei Besuch aus dem Ausland oder, in meinem Fall, dem Eintreffen der neuen Auslandskraft aber auch immer einen Grund zu feiern. So ergab es sich, dass ständig Einladungen für Restaurantbesuche, Tempelbesichtigungen und andere Ausflüge und Veranstaltungen ausgesprochen wurden, von einem entfernten Freund oder Verwandten eines Schulbediensteten oder einer Verwandten eines Schülers usw. und das immer sehr kurzfristig.

Langfristige Planung ist in China überhaupt unvorstellbar, alles wird sehr kurzfristig geplant und noch schneller durchgeführt. Das ist am Anfang sehr ungewöhnlich und kann durchaus für Stress sorgen, schätzt man eine strukturierte Wochen- und Monats-, wenn nicht sogar Semesterplanung. Aber man gewöhnt sich an diese unvorhergesehenen Entscheidungen, sowohl in beruflicher als auch privater Welt und kann sich als langfristig planender Deutscher doch flexibel und die Kurzfristigkeit schätzend anpassen und einbringen.

Der Unterrichtsalltag

Da ich als Bundesprogrammlehrkraft (BPLK) an einer DSD-I-Schule eingesetzt war, arbeitete ich in einem rein chinesischen Umfeld. Das Deutschbüro besteht aus drei chinesischen Ortslehrkräften, die alle als Deutschlehrerinnen arbeiten. Hinzu kommen sieben weitere chinesische Englischlehrerinnen, die sich mit uns das Büro teilten. Die Schule bietet viele unterschiedliche Lehrerzimmer, die jeweils nach Fachbereich organisiert sind. Das Besondere an der Ningbo Nr. 3 High School sind die unterschiedlichen Bildungsschwerpunkte, so gibt es sozialwissenschaftliche, naturwissenschaftliche und sprachliche Profilklassen. Hinzu kommen die Kunstklassen, die über die Stadtgrenzen hinaus sehr bekannt und beliebt sind, da dieser Schwerpunkt der schulischen Ausbildung nach wie vor sehr exotisch in China ist.

Das Schulgebäude ist überaus modern mit seiner architektonischen Gestaltung und der technischen Ausstattung im ganzen Schulgebäude. Die Klassenräume sind sehr hell mit beidseitigen Fensterreihen und offenen Fluren angelegt, außerdem gibt es in den meisten Klassenräumen ein Smartboard. Daher ist moderner Unterricht kein Problem. Ich habe in insgesamt drei Deutschklassen (A1-B1) unterrichtet, die ich mir jeweils mit einer chinesischen Lehrerin geteilt habe. Mein Zuständigkeitsbereich war die schriftliche und mündliche Fremdsprachenkompetenz, die chinesischen Kolleginnen haben sich auf Hör- und Leseverstehen konzentriert.

Chinesische Schüler sind am Anfang sehr schüchtern und zurückhaltend bis sie sich trauen, aktiv am Unterricht mitzuwirken. Das kann man aber sehr schnell durch Gruppenarbeit, Spiele und Einzelunterricht ändern und die chinesischen Schüler sind sehr dankbar über die muttersprachliche Hilfe. Häufig war der Unterricht sehr lustig und auch bei einer Klassengröße zwischen 17-25 blieb Zeit, sich auf einzelne Schüler zu konzentrieren.

Ningbos Innenstadt bei Nacht Ramona SchaftQuelle: Ramona Schaft

Dies wurde auch durch Kulturweitfreiwillige unterstützt, die an der Ningbo Nr. 3 High School eingesetzt waren. Dank eines weiteren Muttersprachlers konnte man sehr gut auf die einzelnen Bedürfnisse der Schüler eingehen und binnendifferenziert arbeiten. Obwohl ich in Deutschland "nur" als gymnasiale Deutsch- und Biologielehrerin ausgebildet worden bin, konnte ich bereits einige Jahre zuvor Erfahrung im Fremdsprachenunterricht in Schottland sammeln, wo ich in Glasgow für ein Jahr als Sprachassistenz an einer Highschool gearbeitet hatte. Dennoch bin ich der Überzeugung, dass auch Lehrkräfte ohne Fremdsprachendidaktik oder ein Germanistikstudium diese Chance auf eine wunderbare und bereichernde Erfahrung ergreifen sollten!

Prinzipiell macht der Fremdsprachenunterricht sehr viel Spaß und hat mich in den zwei Jahren in Ningbo immer wieder neu motiviert und begeistert. Die Absprachen innerhalb des Deutschteams klappten trotz anfänglicher Missverständnisse immer sehr gut, besonders im Hinblick auf die DSD-Prüfungen der Abschlussklassen. Nach ihren Prüfungen gehen die meisten chinesischen Schüler dann für ein Auslandsstudium nach Deutschland.

Sprachbarriere und Reisen

Die Eingewöhnungsphase in einer völlig fremden Kultur gelang erstaunlich gut. Natürlich ist es am Anfang sehr ungewöhnlich und mitunter auch anstrengend, wenn man auf der Straße nicht verstanden wird oder man bei Arztbesuchen und anderen organisatorischen Dingen immer einen Dolmetscher braucht. Da ich keine Chinesischkenntnisse besaß, habe ich einen Chinesischkurs für Anfänger besucht und später einen Aufbaukurs belegt. Es dauert etwas, bis man sich in die Sprache hineinhört. Mein Hörverständnis war immer besser als meine Sprachfähigkeit, aber mit Händen und Füßen, einem Übersetzungsprogramm auf dem Handy (oder dem klassischen Wörterbuch) und einigen Basiskenntnissen kommt man auch in sehr dörflichen Gegenden auf Reisen mit der nötigen Geduld immer ans Ziel. Ich bin in den ganzen zwei Jahren kein einziges Mal bei meinen vielen Reisen ins Landesinnere verloren gegangen oder habe die Orientierung verloren. Dies kann in hektischen Situationen durchaus sehr schnell gehen, da es je nach Provinz und Gegend keine englischen Wegweiser oder Infotafeln gibt. Aber man findet immer jemanden, der einem freundlich hilft oder schnell einen Freund anruft, der ein bisschen Englisch kann oder einen sogar persönlich zum Bahnhof bringt, weil er gerade Zeit hat. Meine Reisen waren alle sehr eindrucksvoll und spannend, besonders die unterschiedlichen Provinzen zu bereisen und natürlich die überaus leckeren Regionalküchen in diesem riesigen Land persönlich zu testen. Eine sowohl kulturelle als auch kulinarische Bereicherung, die ich jedem empfehlen kann!

Mein Fazit

Gerne denke ich an die Zeit in China zurück und stehe nach wie vor in Kontakt mit meinen Schülern und Kollegen. Was mich besonders gefreut hat, war der Spontanbesuch fünf meiner Schüler in Berlin, wo ich inzwischen lebe. Die Entwicklung meiner Schüler in Deutschland zu sehen und die positiven Erfahrungen, die sie bisher während ihres Studiums machen konnten, bestätigen meine Entscheidung erneut, im Ausland zu arbeiten und auch einen Ort zu wählen, von dem man womöglich vorher noch nie gehört hat. Daher wird dieser wunderbare Auslandsdienst in China nicht mein letzter gewesen sein!

Ramona Schaft

Chinesische Schülerinnen und Schüler in Berlin Ramona SchaftQuelle: Ramona Schaft

Verkauf von Ananas auf der Straße: eine chinesische Mutter mit Kind Ramona SchaftQuelle: Ramona Schaft

Ningbos Innenstadt bei Nacht Ramona SchaftQuelle: Ramona Schaft