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"So eine reiche Lebenserfahrung, kann man sich nicht kaufen, man muss sie erlebt haben." - Als Lehrer in Istanbul

Datum 24.02.2014

Nick Berck ist Gymnasiallehrer für Biologie und Chemie. Seit 2011 unterrichtet er als ADLK an der Deutschen Schule Istanbul, Türkei.

Eine Idee wird geboren

Kurz vor den Sommerferien 2009 erzählte mir ein Kollege, dass er ins Ausland an eine Deutsche Schule ginge und fragte mich, ob dies nicht auch etwas für mich und meine Familie sei. Spontan verneinte ich dies, erzählte aber zu Hause meiner Frau davon und im zweiten Gedanken waren wir von dieser Idee angetan. Es sind meist mehrere Gründe, die Menschen bewegen, ihre Heimat zu verlassen, um für eine begrenzte Zeit in einem anderen Land zu leben. Bei uns waren es ebenso vielfältige Gründe, uns auf dieses Abenteuer einzulassen. Der Hauptgrund war wahrscheinlich die Abenteuerlust; sollte ich denn bis ich 67 Jahre alt bin und pensioniert werde an derselben Schule bleiben? Diese Gedanken überkamen mich in Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen, die seit 30 oder mehr Jahren an meiner Schule im Inland unterrichteten. Die Vorstellung beruflich nichts grundlegend Neues zu erleben, war für mich beängstigend. Ein weiterer Grund war, dass meine Frau schwanger wurde und unser dritter Sohn 2010 zur Welt kommen sollte. Dies bedeutete, dass sie länger nicht arbeiten gehen würde, denn mit drei kleinen Kindern ist es eben ein Vollzeitjob, die Familie zu versorgen. Also machten wir uns Gedanken, was wir eigentlich verlieren würden, wenn wir für drei oder mehr Jahre ins Ausland gingen. Wir kamen zu dem Entschluss, dass es doch relativ wenig ist, was man verliert und mehr, was man gewinnt.

Man könnte beispielsweise seine Freunde verlieren, aber wir sind nicht mehr 14 sondern schon Ende dreißig. Freundschaften sollten eigentlich stabil sein. Sie würden natürlich durch die Zeit in der Ferne auf die Probe gestellt werden, aber dies ist ja eigentlich nicht negativ, sondern positiv, wenn sie sich bewähren. Was ist, wenn man mit den Menschen in der fremden Kultur nicht zurecht kommt? Wie wird es sich wohl anfühlen, als Minderheit in einer muslimischen Kultur zu leben? Schließlich ist man ja in einem binationalen Kollegium und hat dadurch genügend eigene Kultur um sich herum und meine Frau würde sicherlich Kontakt zu anderen Eltern über den Deutschen Kindergarten bekommen. Es gibt sicher noch weitere Ängste, die auftreten können, aber die meisten sind völlig unbegründet.

Als unsere Entscheidung gefallen war, suchte ich zunächst das Gespräch mit meinem Schulleiter, der selbst schon im Auslandsschuldienst tätig war. Er ermutigte mich, diesen Schritt zu gehen und gab sofort seine Zustimmung. Nach der Bewerbung in der ZfA kam das Gefühl, die ganze Welt stünde uns offen. So viele Deutsche Auslandsschulen auf der ganzen Welt, aber wo sollen wir denn nun hingehen? Zunächst kam ein mögliches Angebot aus Thailand. Wir waren sehr aufgeregt, aber nach kurzem Überlegen dachten wir, dass Thailand zu exotisch und zu weit weg ist. Uns wurde bewusst, dass wir den Kontakt zwischen den Großeltern und ihren Enkeln doch etwas häufiger wollten und dass dies mit so langen Flügen schwierig würde. Wir entschlossen uns daher eher in Europa zu bleiben. Aber Europa ist doch eigentlich nicht abenteuerlich, das kennt man doch schon aus den Urlauben, dachten wir. Als schließlich ein Angebot von der Deutschen Schule Istanbul kam, war dies sehr erfreulich. Istanbul, eine Stadt auf zwei Kontinenten, der Anfang des Orients und das Ende des Okzidents: Das ist doch faszinierend, fremd aber doch nicht zu weit weg.

Der Abschied

Blick auf die Blaue Moschee in Istanbul Erfahrungsbericht IstanbulQuelle: Nick Berck

Nachdem das Bewerbungsgespräch mit Herrn Reinhold, dem Schulleiter der Deutschen Schule Istanbul sehr positiv verlaufen war, stand der Entschluss fest: "Wir gehen nach Istanbul". Die Vorbereitungen für einen längeren Aufenthalt im Ausland sind schon immens. Es wirft sich zunächst die zentrale Frage auf, ob man seinen inländischen Wohnsitz beibehält, oder nicht. Für uns war klar, dass wir unser gesamtes Inventar mitnehmen und keinen inländischen Wohnsitz beibehalten würden. Da meine Frau als Pfarrerin tätig war und unsere Wohnung im Pfarrhaus an ihren Dienstauftrag gekoppelt war, konnten wir diesen Wohnsitz nicht beibehalten. Da wir die letzten Jahre unsere Wohnung komplett neu eingerichtet hatten, wäre es doch sehr schade, die neuen Möbel einzulagern. Außerdem wollten die Kinder gerne ihre Spielsachen und ihr vertraute Kinderzimmereinrichtung mitnehmen. Die Vorstellung, dass unser gesamtes Hab und Gut auf einem Lastwagen auf den Weg in die Türkei ist, war schon sehr beunruhigend. Die Wohnungssuche gestaltete sich glücklicherweise relativ einfach. Wir bekamen das Angebot, in das katholische Pfarrhaus einzuziehen, da der katholische Pfarrer in einem Orden wohnt und daher das Pfarrhaus in Istanbul leer stand. Das erfreute uns natürlich, zogen wir nun von einem Pfarrhaus in Deutschland in ein anderes Pfarrhaus in Istanbul, das war unfassbar.

Wir mussten in Deutschland unsere Wohnung renovieren, diverse Versicherungen umstellen, unser Auto verkaufen und vieles mehr. Aber die Vorfreude auf einen Neuanfang in der Fremde ließ uns das alles gut bewältigen, denn eine Vision kann unglaubliche Kräfte mobilisieren. Als der Tag der Abreise kam, waren alle sehr aufgeregt. Man geht nun weg, nimmt Abschied und weiß, dass man frühestens in fünf Monaten zu einem kurzen Besuch zurückkommt. Die positive Angespanntheit würde sich aber sicher bald auflösen.

Der Neubeginn

Als wir im August 2011 in Istanbul ankamen, regnete es in Strömen. Wir kamen in unsere Wohnung und glücklicherweise standen dort ein paar Möbelstücke und auch Betten, die man für uns bezogen hatte. Wir fühlten uns zugleich sehr wohl. Das war wichtig, denn in den nächsten fünf Wochen mussten wir ohne unsere Möbel auskommen, das erste Abenteuer. Der türkische Zoll hatte kurzfristig entschieden, nicht nur an den Feiertagen, sondern noch ein paar Tage danach zu schließen. Die Hilfe, die wir von der Schule erfuhren, war sehr groß, ob Internetanschluss, Behördengänge und weitere organisatorische Sachen, immer stand uns jemand zur Seite und begleitete uns. Somit wurde uns der Neuanfang sehr erleichtert.

Die Schule begann ca. drei Wochen nach unserer Ankunft. Alles war neu, in der Gesamtkonferenz lauschte ich den Übersetzungen von einer in die andere Sprache. Die Kolleginnen und Kollegen waren sehr hilfsbereit und offen, was den Einstieg sehr erleichterte. Als der erste Unterrichtstag anstand, war ich natürlich sehr aufgeregt, wie würden türkische Schüler sein? Aber wie erwartet, war die Aufregung unbegründet. Nach einer Woche dachte ich, dass ich die Schüler schon lange kennen würde. Einerseits waren sie genau so wie meine Schüler aus Deutschland, andererseits eben doch anders, aber immer höflich und zuvorkommend. Das erste Jahr verging wie im Flug. Durch die viele Arbeit in der Schule und auch im privaten Bereich, war gar keine Zeit für Heimweh, das war gut.

Neben der Arbeit an der Schule, erfreute uns die positive Interaktion zwischen der evangelischen und katholischen deutschsprachigen Gemeinde. Da neben unserem Haus fast jeden Sonntag der katholische Gottesdienst stattfand, besuchten wir diesen öfter und freuten uns sehr, dass uns alle Gemeindemitglieder so positiv willkommen hießen, obwohl wir evangelisch sind.

Der Alltag

Eindrücke von Istanbul Erfahrungsbericht IstanbulQuelle: Nick Berck

Nach dem ersten Jahr Istanbul wurde unser verklärter Blick wieder nüchterner. Wir fingen an, mehr zwischen der Türkei und Deutschland zu vergleichen. So faszinierend und schön Istanbul ist, so laut und stressig ist die Stadt gleichzeitig. Fast immer gibt es Stau, unendlich viele hupende Autos und sehr viele Menschen auf den Straßen. Ausflüge mit den Kindern erwiesen sich als sehr anstrengend. Aufgrund der vielen Autos mussten wir auch übertrieben aufpassen. Selbstverständlichkeiten, wie mit den Kindern Fahrrad zu fahren oder ins Schwimmbad zu gehen wurden zum Problem. Da Istanbul sehr hügelig ist und überall Autos sind, ist es mit dem Fahrradfahren schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Schwimmbäder gibt es nur in Form von Sportclubs und um diese zu erreichen muss man unter Umständen erst einmal 30 Minuten mit dem Taxi fahren und kann sich dabei nie anschnallen. Auch die Arbeit in der Schule war deutlich mehr als in Deutschland. Dies kommt vor allem daher, dass wir zwei Schulsysteme gleichzeitig bedienen müssen. Das türkische Schulsystem fordert wesentlich mehr Klausuren als das deutsche. Außerdem ist die Deutsche Schule Istanbul weitestgehend eine Oberstufenschule, was dazu führt, dass es jedes Jahr sehr viele Abiturienten gibt und daher die Abiturprüfungen zu halten sind. Die Deutsche Schule Istanbul gehört zu den renommiertesten Schulen der Türkei. Die Schüler können nur dort hinkommen, wenn sie zu den besten fünf Prozent eines landesweiten Aufnahmeverfahrens gehören. Eine Barriere im Unterricht bildet allerdings die deutsche Sprache, denn die Schüler lernen diese erst in unserer Schule, also nach der achten Klasse und müssen dem Fachunterricht in einer Fremdsprache folgen, was eine große Herausforderung ist.

Nach dem ersten Jahr fragten wir uns, ob denn die Entscheidung ins Ausland zu gehen für uns die richtige war. Wir beantworteten dies mit einem klaren "Ja". Wir konnten uns nicht vorstellen, wie es gewesen wäre wenn wir alle Leute und das Land mit seiner Kultur nie kennen gelernt hätten. So eine reiche Lebenserfahrung, kann man sich nicht kaufen, man muss sie erlebt haben. Inzwischen freuen wir uns aber wieder darauf, nach Deutschland zurückzukehren. Nach längerer Zeit hier beginnt es, dass wir vieles vermissen. Es verdeutlicht sich für uns immer mehr, wie stark die eigene Kultur in uns verankert ist. Da wir in Deutschland aufgewachsen sind, bleibt uns vieles in der türkischen Kultur fremd und verschlossen. Trotzdem ist es spannend zu beobachten, wie schnell man sich an Selbstverständlichkeiten gewöhnt und dies fällt einem erst auf, wenn man diese Selbstverständlichkeiten nicht mehr hat und diese neu schätzen lernt.

Nick Berck