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"Bunt, offen und abwechslungsreich. Mexiko-Stadt wird völlig unterschätzt"

Datum 25.11.2015

Alles begann mit einem Anruf: Können Sie sich vorstellen in Mexiko zu arbeiten? Gedacht habe ich spontan "Nein", gesagt habe ich "Ja". - Jan Fischer unterrichtet an der Grundschule der Deutschen Schule Alexander von Humboldt in Mexiko-Stadt. Hier erzählt er von seinen Erfahrungen.

Mexiko, was wusste ich denn über Mexiko? Moloch, Smog und Drogenkrieg. Warum sollte ich da hingehen? Andererseits war es der erste und wahrscheinlich letzte Anruf, seit ich in der Datenbank der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) gelistet worden war. Als Grund- und Sek I-Lehrer sind die Chancen nicht sonderlich hoch, eine Stelle als Auslandsdienstlehrkraft (ADLK) zu bekommen. Und noch hatte ich sie ja nicht. Es folgte ein Bewerbungsgespräch in Berlin im Februar, dann eine Woche des Wartens, in der mein Partner und ich entschieden haben, dass wir bei einer Zusage nach Mexiko-Stadt gehen. Und jetzt sind wir hier schon im achten und letzten Jahr.

Doch zurück ins Jahr 2008. Vorbereitungslehrgang in Köln, Tropentauglichkeitsuntersuchungen und Impfungen, Auflösung der Wohnung, was nehmen wir mit und was wird untergestellt. Endlich der Abflug. Landeanflug Mexiko-Stadt, endloses Häusermeer, 20 Millionen Einwohner? Wohnungssuche, Autokauf, Bügeleisen und Wäschekorb. Das Bett kommt mit den zwölf Umzugskartons später.

Die Deutsche Schule Mexiko Stadt - West, La Herradura, ist eine Neugründung, die gerade umgezogen ist. So sind wir lange Zeit die Kleinen neben den Standorten Nord in Lomas Verdes und Süd in Xochimilco. La Herradura ist ein Wohnviertel für Besserverdienende, die Schule liegt in einem parkähnlichen Gelände im Westen der Stadt.

Internationales Lehrerkollegium

Während einer HospitationQuelle: Jan Fischer/Dieter Jaeschke

Die nächsten vier Jahre wird abgerissen, um- und neugebaut. Die Schule wächst, Kindergarten, Grundschule, Sek I und II, alles liegt beieinander. Wo hat man das denn in Deutschland? Ein Lehrerzimmer, in dem sich Grund-, Haupt-, Real- und Sonderschullehrer, Studienräte und was es sonst noch für Bezeichnungen gibt, jeden Tag nicht nur begrüßen, sondern auch miteinander arbeiten. Dazu die Bundesländervielfalt: Wie verstehen die überwiegend mexikanischen Schüler meinen Kollegen aus Thüringen und die Kollegin aus Schwaben? Dann sind da ja auch noch die mexikanischen Kollegen, die Spanisch, Sport, Kunst, Musik und mexikanische Geschichte unterrichten. Zum Glück kann ich auf rudimentäre Spanischkenntnisse zurückgreifen.

Im ersten Jahr bin ich "nur" Lehrer, unterrichte Deutsch, Deutsch als Fremdsprache und Mathematik. Da die Grundschule in Mexiko die Klassen 5 und 6 einschließt, darf ich mal wieder Ältere unterrichten und stoße gleich an meine Grenzen. Wie gehe ich mit Schülern um, die mich nicht verstehen oder mich nicht verstehen wollen? Wir sind eine Begegnungsschule mit über 90% mexikanischen Kindern, die zwar deutsche Namen von ihren eingewanderten Groß- und Urgroßvätern geerbt haben, aber mit Deutschland eher Gummibärchen und Schokolade verbinden. Wie gut, dass es für alle Anfänger den Vorbereitungslehrgang II gibt. Im Modul "Interkulturelles" werden wir über "den Mexikaner" aufgeklärt.

A1, A2, DSD I und DSD II, ich kann sie alle!

Im zweiten Jahr wird mir die Fachleitung Deutsch angetragen. Ich bin wieder beim Vorbereitungslehrgang, diesmal als Referent. Ich freue mich, dass es die Nord- und Südschule gibt und ich auf die Erfahrung meiner Fachleiterkollegen zurückgreifen kann. Diese Zusammenarbeit werde ich einmal vermissen. Es tut gut, sich absprechen zu können, Wissen und Erfahrung zu teilen und die eine oder andere Neuigkeit informell zugetragen zu bekommen.

Meine Fachleiterkollegen führen mich ein in die Welt der Sprachprüfungen: A1, A2, DSD I und DSD II, ich kann sie alle! Ob als Beisitzer, Vorsitzender oder Prüfer macht es mir Spaß, die Prüfungen zu organisieren und abzunehmen. Wann hat man schon die Gelegenheit, ehemalige Grundschüler einige Jahre später in einer Prüfung wiederzutreffen und zu erleben, was aus ihnen geworden ist.

Lucha libre und Tag der Toten

Lieder, Rhythmen, Reime; Jan Fischer mit seinem AkkordeonQuelle: Jan Fischer/Dieter Jaeschke

Im dritten Jahr fühle ich mich schon wie zu Hause. Der Jahresablauf ist mir vertraut, ich habe die Truppenparade zum Nationalfeiertag im September schon zweimal gesehen, freue mich auf den 2. November, den Tag der Toten, das mexikanischste aller Feste. Dann beginnt die Trockenzeit, und Mexiko-Stadt erscheint in einem freundlich warmen Licht. Auch wenn die Temperatur nachts auf fast 0° sinken kann, ist es doch tagsüber immer mindestens 25° warm.

Neben Lucha libre, der mexikanischen Variante des Wrestling, ist ein Besuch in der weltgrößten Stierkampfarena ein Muss, genauso wie die Passionsfestspiele von Ixtapalapa, einem Stadtteil in den es einen sonst nicht so oft verschlägt. Mexiko-Stadt ist ein Fahrradparadies. Hier wird das Überfahren roter Ampeln nicht geahndet und auch sonst genießt man als Fahrradfahrer Narrenfreiheit. In der Schule gibt es zu Weihnachten Geschenke und am Tag des Lehrers ein festliches Abendessen mit anschließendem großen Ball! Die Musik setzt ein und alle Mexikaner sind auf der Tanzfläche.

Wachsende Routine

Den Schulalltag habe ich verinnerlicht, an die Aufteilung des Schuljahres in fünf Bimester pro Schuljahr habe ich mich gewöhnt. Zu jedem Bimester gehört eine Klassenarbeit und ein Zeugnis, also fünfmal im Jahr Zeugnisnoten ausrechnen, mit Kommastelle. Zum Schulalltag gehört der Fahnenapell genauso wie das Singen der drei Hymnen, der Mexikanischen, der Regionalhymne und der Deutschen. Unangekündigte Erdbebenalarme und echte Beben erschrecken mich nicht mehr. Schließlich wird die Verlängerung meines Dienstvertrages auf weitere drei Jahre von meinem Heimatbundesland gewährt.

Die nächsten drei Jahre sind durch wachsende Routine und Fortbildungen gekennzeichnet. Da kommt die Anfrage vom Fachberater, damals noch mit Sitz in Mexiko-Stadt, ob ich nicht an einer Fortbildung für Erzieherinnen als Referent teilnehmen möchte. Ausgestattet mit Akkordeon und Gitarre mache ich mich auf den Weg. Das Motto lautet: Lieder, Rhythmen, Reime! Nach positiven Rückmeldungen werde ich öfter angefragt.

Fachwissen und mittlerweile viel Erfahrung führen mich auch zu Fortbildungen bei den Mennoniten im Norden Mexikos. Die Begegnung mit den Menschen dort ist etwas, was ich auf keinen Fall missen möchte. Die freundliche Aufnahme, ihre Gastfreundschaft und Neugier auf die Welt werde ich in guter Erinnerung behalten, genauso die Diskussionen um Bewahrung von Tradition und Öffnung zur Moderne.

Langfristige Ziele nicht aus dem Auge verlieren

Während einer HospitationQuelle: Jan Fischer/Dieter Jaeschke

Mit den Kollegen arbeiten wir fieberhaft der BLI entgegen. Deutschkonzepte werden geschrieben, überarbeitet und wieder verworfen. Regalmeter Papier werden verschickt und digital versendet. Dann kommt endlich die Besuchswoche, und am Ende sind auch wir eine Exzellente Deutsche Auslandsschule. Ruhe hat man deswegen leider nicht, denn es naht der Bilanzbesuch.

Nebenher arbeite ich Jahr für Jahr neue Kollegen ein. Dies ist fast immer eine Bereicherung, besonders wenn Neue direkt nach dem Referendariat zu uns kommen. Was sind die neuen Trends in Deutschland? Wo liegen Schwerpunkte in der Ausbildung? Hier erfährt man eine Menge über die deutsche Bildungslandschaft.

Im Laufe der Jahre wechseln die Schulleiter, Fachberater und Prozessbegleiterinnen. Da darf man sich nicht irre machen lassen. Wie gut, dass ich mit den Fachleiterkollegen per Du bin und die langfristigen Ziele nicht aus dem Auge verliere: Das Sprachenkonzept! Deutsch, Englisch, Spanisch, alle unterrichten irgendwie ihr Fach. Aber was erwarten wir eigentlich von unseren Schülern in Klassenarbeiten? Und wie benoten wir? Ist ein Erwartungshorizont eine Vereinfachung für die Schüler oder kann es eine Korrekturhilfe für die Lehrenden sein? Hier ist Kommunikation über das Fach hinaus gefragt und Austausch erwünscht.

Die Stadt wird völlig unterschätzt

In den letzten zwei Jahren durfte ich unsere Schule auf der didacta vertreten. Dadurch verändert sich der Blick auf Schule noch einmal gewaltig. Es gibt so viele attraktive Auslandsschulorte. Und welche Chancen hat Mexiko da mitzuhalten? Die Stadt wird völlig unterschätzt. Ich kenne keine europäische Metropole, die so bunt, so offen und abwechslungsreich ist. Das mexikanische Essen ist Weltkulturerbe, die Strände an Pazifik und Karibik sind unschlagbar und Mexikaner wissen zu leben.

Über zu wenig Arbeit konnte ich mich in all den Jahren nicht beklagen. Aber an welcher deutschen Schule kommt man mit so vielen Menschen, Schicksalen, Aufgaben und Lösungen in Kontakt? Wenn also morgen das Telefon klingelt und ich gefragt würde: Können Sie sich vorstellen, in Mexiko zu arbeiten, so lautet die Antwort: Ja klar!

Jan Fischer