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"Man sollte immer erst dann gehen, wenn es am schönsten ist" - Unterrichten in Kolumbien

Datum 11.09.2013

Ira Marsch, ehemals Bundesprogrammlehrkraft und Ortslehrkraft an der Deutschen Schule Bogotá, erzählt von ihrem "Abenteuer Ausland".

Nachdem der Flug (One Way) von Frankfurt nach Bogotá gebucht war und mein Dienstantritt am 01.09.2005 immer näher rückte, glaubte endlich auch der letzte der vielen Zweifler, was ich bereits Monate zuvor angekündigt hatte: dass ich für zwei Jahre zum Arbeiten an die Deutsche Schule nach Bogotá gehen würde. Dass man mir nie glaubt, wenn ich sage, dass ich gehe, liegt wohl daran, dass es mir bisher immer gelang, erst dann zu gehen, wenn es am schönsten war. Und so waren auch mein sechstes und siebtes Jahr in Bogotá: die schönsten und fruchtbarsten Jahre meines Auslandsaufenthaltes, der sich in jeder Hinsicht für mich gelohnt hat.

Man muss lang genug bleiben, um seine Früchte ernten zu können. Zu viele Menschen geben nach zu kurzer Zeit auf. Sie geben auf, wenn Schwierigkeiten und Probleme, die auch und besonders im Ausland auftreten, ihren Höhepunkt erreichen. Meiner Meinung nach geht es aber erst dann richtig los, wenn es nicht mehr schwieriger, sondern nur noch besser werden kann. Mit meinen damals 28 Jahren traf ich die rückblickend wichtigste und beste Entscheidung meines bisherigen Lebens: mich gegen eine Planstelle und für die Arbeit an einer Deutschen Schule im Ausland zu entscheiden.

Es ist in Ordnung, um Hilfe zu bitten und sie anzunehmen

2005 landete ich mit zwei Koffern und ohne einem Wort Spanisch in Bogotá. Ich hatte keine Zeit, mir die Schule, geschweige denn die Stadt anzuschauen. Aufgrund von Visaproblemen kam ich erst an, als der Schulbetrieb bereits in vollem Gang war.

Es war nicht leicht, sich in einer so großen Schule zurechtzufinden. Zwar halfen einem deutsche Kollegen den Schulalltag zu meistern, zeigten einem nachmittags Einkaufsmöglichkeiten und gaben hilfreiche Tipps fürs erste "Überleben", dennoch fühlte ich mich zunächst stark in meiner Freiheit und Autonomie eingeschränkt. Man war aufgrund sprachlicher Barrieren und kultureller Unkenntnis plötzlich auf die wertvollen Tipps Dritter angewiesen. Aber es war in Ordnung, denn alle deutschen Kollegen hatten genau dasselbe bereits hinter sich.

Höheren Anforderungen von allen Seiten gerecht werden

Man hielt sich selbstverständlich zunächst an die deutschen Kollegen, doch da es sich nicht um ein vorwiegend deutsches, sondern um ein kolumbianisches Klientel handelte, das man unterrichtete, und die deutschen Kollegen nur einen kleinen Bruchteil des ca. 150-köpfigen Kollegiums ausmachten, musste und wollte man die Denkweise und Mentalität der Einheimischen verstehen. Die Sprache griff ich schnell auf und mit dem Sprachzuwachs wuchsen auch die Kontakte zu Kolumbianern.

Die Eltern waren fordernd, interessiert und engagiert, die Schulleitung verließ sich auf die Selbstständigkeit und Anpassungsfähigkeit der Neuankömmlinge und die Kollegen erwarteten das Einbringen vieler neuer, aus Deutschland mitgebrachter Ideen in die Fachbereichsarbeit. Man wurde als aus Deutschland vermittelte Lehrkraft besonders beobachtet: Wie gibt sich die Neue? Wie geht sie mit dem Schulpersonal um, wie mit den Eltern, dem Schulvorstand und den Ansprüchen, die das bikulturelle Umfeld an sie stellt? Mit den Anforderungen, die von vielen Seiten an mich gestellt wurden, wuchs auch mein Anspruch, ihnen bestmöglich zu gerecht zu werden. Nach dem ersten Jahr, in dem ich, wie viele Neuankömmlinge auch, in viele Fettnäpfchen getreten war, wusste ich, wie mein zweites Jahr besser laufen würde.

Zwei Jahre sind zu kurz, um anzukommen und seine Zelte erneut abzubrechen

Ira Marsch mit einer SchülerinQuelle: Ira Marsch

Bereits nach 14 Monaten verlängerte ich meinen Zweijahresvertrag um zwei weitere Jahre. Ich hatte mich eingelebt, gerade eine erste Klasse übernommen, Freundschaften geschlossen, war bis über beide Ohren verliebt und fand mich auch außerhalb der Schule in meinem neuen Leben gut zurecht. Da möchte man sich nicht gleich wieder verabschieden!

Ich war neugierig auf das kolumbianische Bildungssystem und das Leben außerhalb der Schule. Wie lebten Menschen, die es sich nicht leisten konnten, ihre Kinder auf eine Privatschule wie das Andino zu schicken? Ich unterrichtete nebenbei an der staatlichen Universität und hielt fremdsprachen-didaktische Seminare für Studierende des Fachbereichs Deutsch als Fremdsprache. Die Studenten lernten Hilbert Meyers Kriterien für guten Unterricht kennen, wie man Unterricht plant, durchführt und ihn reflektiert.

Ich hingegen lernte, wovon junge Kolumbianer, denen der goldene Löffel nicht bei der Geburt mit in die Wiege gelegt wurde, träumten und warum gerade in einem Land wie Kolumbien Bildung ein oft hart erkämpfter und der einzige Weg in eine bessere Zukunft ist.

Das Besondere im scheinbar Selbstverständlichen sehen

Ich bewegte mich in zwei verschiedenen Welten: Im Andino traf ich auf Diplomaten, Unternehmer und deren scheinbar sorglosen Kinder, an der Uni auf junge Menschen, die oftmals neben dem Studium hart arbeiten mussten um ihre Familien zu ernähren, oder weil ihre Eltern nicht alleine für den Semesterbeitrag oder die Lehrbücher aufkommen konnten. Als ich verstand, dass Bildung ein Privileg ist, das in Kolumbien fast ausschließlich von der Ober- und Mittelschicht genossen werden kann, begann ich innerlich, ein "Loblied" auf die soziale Durchlässigkeit des deutschen Bildungssystems zu singen und erstmals mein Deutschlandbild zu reflektieren.

In beiden Welten traf ich auf sehr viel Herzlichkeit, Wärme, Gastfreundschaft und Neugier. Deutschland hat in Kolumbien einen hohen Stellenwert und Unternehmen, die deutsche Produkte vertreiben, berufen sich auf Qualität made in Germany. Gummibärchen und Milka-Schokolade waren allzeit beliebte Mitbringsel, die – ob an der staatlichen Universität oder an der Deutschen Schule – immer gut ankamen und Freude bereiteten.

Sich seiner Identität bewusst werden

Deutschland war mir in der Ferne näher gekommen. Vieles sah ich plötzlich aus einem anderen Blickwinkel heraus, anders. Nach und nach merkte ich, dass deutsche Werte und Tugenden wie Pünktlichkeit, Ordnung und Zuverlässigkeit ihre Berechtigung hatten und ich lernte sie, mehr als ich es bereits zuvor tat, zu schätzen. Wie oft hatte ich mich in Deutschland geärgert, wenn ich die U-Bahn um eine halbe Minute verpasst hatte!! Wie oft hatte ich über deutsche Bürokratie geschimpft!

In Kolumbien ticken die Uhren anders... Ich erinnere mich an eine Episode, als ich mir einen Tag schulfrei nehmen musste, weil in meiner neuen Wohnung der Telefonanschluss gelegt werden sollte. Verabredet war Mittwoch, zwischen 9 und 11 Uhr. Ich wartete den ganzen Tag, bis in die Abendstunden hinein. Von meinem Handy aus rief ich mehrmals bei der Telefongesellschaft an. "Ya viene el técnico", was soviel heißt wie "Der Techniker kommt gleich". "Gleich" bedeutet aber in Kolumbien "später" und "später" kann auch "nie" bedeuten. Somit wurde ich mal wieder belehrt, dass den Deutschen zugeordnete Tugenden wie Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit mehr sind als eine bloße Selbstverständlichkeit. Oft nimmt man Dinge einfach nur hin. Sie wurden mir bewusster und ich begann, mich nach ihnen zu sehnen.

Sich in Geduld üben und sich anpassen

Wohl oder übel muss man geduldiger werden, wenn man nicht an einem Geschwür erkranken möchte. Auf der innerstädtischen Autobahn steht man permanent im Stau, da der Verkehr in der Millionenstadt Bogotá ausschließlich überirdisch geregelt ist. Auf der Bank steht man zu jeder Tageszeit in einer langen Schlange, ebenfalls in Restaurants oder im Kino. So lernte ich, Strategien zu entwickeln, um nicht regelmäßig meiner Ungeduld zum Opfer zu fallen: Stets trug ich ein Buch bei mir oder Tests und Klassenarbeiten, die korrigiert werden mussten. Ich versuchte, mir für die einfachsten Erledigungen ein Vielfaches mehr an Zeit einzuplanen. Zeit wurde so mehr und mehr zum kostbarsten Gut.

Während man sich für den Schulalltag sehr zurechtmachen musste, trug man auf der Straße lieber nichts Auffälliges. Wenn ich nach einem Schultag noch etwas in der Stadt zu erledigen hatte, vergrub ich meine Armbanduhr und meinen Schmuck in der Schultasche, um auf der Straße keine ungewollten Blicke auf mich zu ziehen und ein unnötiges Risiko einzugehen.

Ich lernte, dass man stets erst nach dem Befinden des Gegenübers zu fragen hatte und Smalltalk hielt, bevor man "auf den Punkt" des eigentlichen Anliegens kommen durfte. Und so sehr es mir anfangs auf die Nerven ging, so sehr verschönerte dieses "Geplänkel" den Alltag und machte es ein wenig bunter.

Wurzeln schlagen

In meinem vierten und fünften Jahr war Kolumbien ein Stück Heimat für mich geworden. Ich hatte zwischenzeitlich geheiratet und hatte vor, für immer zu bleiben. Während der Schulzeit blieb kaum Zeit für Hobbys, doch konnte man die Ferien und die zahlreichen verlängerten Wochenende nutzen, um das Land kennen zu lernen. Die Aufgaben in der Schule wuchsen. Ich musste mehr und mehr selbst fortbilden, neue Kollegen betreuen und den hohen Ansprüchen an Unterricht gerecht werden.

Plötzlich war ich, mit 33, die Dienstälteste der deutschen Kollegen, was darauf zurückzuführen war, dass deutsche Kollegen im Schnitt 2.75 Jahre an der Schule blieben. Die Gründe hierfür sind ganz unterschiedlich: die Familie trifft die Entscheidung – der privaten Planung wegen –, gesundheitliche Gründe, junge Kollegen erhalten eine Planstelle, eingangs erwähnten Schwierigkeiten geht man lieber aus dem Weg statt auszuhalten und später den Erfolg der genommenen Hürde zu genießen, usw.

Da wir als Paar Wurzeln schlagen wollten, beschlossen mein Mann und ich, uns in Schulnähe ein Haus zu bauen, um dem Stau zu entgehen, die Lebensqualität zu erhöhen und an möglichst vielen der so zahlreichen schulischen Aktivitäten, die oft auch an Wochenenden oder am Abend stattfanden, teilnehmen zu können. Die Schule war schon längst zu unserem Zuhause geworden und nahm einen großen Platz in unser beider Leben ein. Wir hatten engen Kontakt zu Kollegen und Eltern und unternahmen viel mit ihnen gemeinsam. Als bikulturelles Paar genossen wir das bikulturelle Umfeld und fühlten uns in ihm wohl.

In Bewegung bleiben

In Deutschland ein Haus zu bauen ist schon kompliziert genug, in Kolumbien wurde unser Hausbau zu einem traumatischen Erlebnis. Zwar konnten wir unseren langwierigen und kräftezehrenden Rechtsstreit mit dem Bauträger beilegen und sogar noch unser Haus beziehen, ein Jahr darin wohnen und es genießen, doch spielten wir mehr und mehr mit dem Gedanken, nach Deutschland zurückzukehren.

Meine berufliche Tätigkeit an der Schule hatte ihren Höhepunkt erreicht: Ich war Mitglied der Steuergruppe, bildete junge Referendare aus, durfte das Kollegium fortbilden, arbeitete aktiv im Jahrgangsteam und den einzelnen Fachbereichen mit und hatte zufriedene Eltern und Schüler. Nach sechs Jahren als Bundesprogrammlehrkraft blieb ich noch ein weiteres Jahr als Ortslehrkraft. Nebenbei hatte ich einen Master-Studiengang absolviert und meine Masterarbeit in spanischer Sprache verfasst.

Wonach ich mich mittlerweile sehnte, war ein Mitentscheidungsrecht in wichtigen pädagogischen und schulorganisatorischen Fragen. Ich wollte Schule entwickeln, Entscheidungen treffen und selbst Schule leiten. Da es vor Ort keine Möglichkeit dazu gab, entschloss ich mich, mich in meinem letzten Jahr von Bogotá aus auf eine Funktionsstelle in Hessen zu bewerben. Im Mai 2012, nach einem erfolgreichen Auswahlverfahren, für das ich im März nach Deutschland geflogen war, glaubte mir endlich auch mein Primarstufenleiter, dass ich die Schule, gemeinsam mit meinem Mann, verlassen würde.

Als veränderter Mensch nach Deutschland zurück

Jetzt, acht Monate nachdem wir in Marburg angekommen sind und ich Deutschland wieder von innen und Kolumbien von außen betrachte, weiß ich die guten Seiten beider Länder zu schätzen, kenne mich selbst besser und weiß, was ich will.

An Deutschland weiß ich zu schätzen, dass kein Mensch verhungern muss und jedes Kind lernen DARF. Was als so selbstverständlich hingenommen wird, ist doch ein großer Luxus, für den man dankbar sein muss. An Kolumbien mag ich die Fröhlichkeit der Menschen und ihren Optimismus. Auch wenn viele von ihnen hungern müssen und Bildung ein Luxusgut ist, tragen sie stets ein Lächeln auf den Lippen und gewinnen dem schmerzvollsten Ereignis noch etwas Gutes ab. "No hay mal que por bien no venga" - "Es gibt kein Übel, das nicht auch zu etwas Gutem taugt" ist ein typisch kolumbianisches Sprichwort, das mir in schwierigen Zeiten geholfen hat, nach vorne zu blicken und mich nicht entmutigen zu lassen. So wie auch jetzt.

Das Ankommen in Deutschland ist nicht leicht. Es ist viel schwieriger hier anzukommen als damals in Kolumbien angekommen zu sein. Man ist schließlich, nach sieben Jahren an einer Privatschule und einem komfortablen, privilegierten und spannenden Leben im Ausland, sehr verwöhnt. Man kommt einfach auch als anderer Mensch zurück. Es ist schwer, diese Entwicklung in Worte zu fassen. Man möchte sie auch nicht mit jedem teilen. Diejenigen, die das "Abenteuer Ausland" erleben durften, wissen, was ich meine.

Nun werden wir auch hier versuchen, Wurzeln zu schlagen und - wie sollte es auch anders sein? - erst dann wieder gehen, wenn es am schönsten ist. Da es an meiner neuen Schule aber noch viele Vorhaben gibt, die umgesetzt werden sollen, wir im Schulleitungsteam erst zusammenwachsen mussten, um gemeinsame Ideen für die Zukunft der Schule zu entwickeln und ich es hier in Marburg noch lange nicht richtig schön finde, werden wir hart arbeiten, bis wir mit beiden Beinen, dem Kopf und vor allen Dingen dem Herzen richtig im Hier und Jetzt "gelandet" sind. Erst dann würden wir erneut Abschied nehmen. Denn wie schon gesagt: Man sollte immer erst dann gehen, wenn es am schönsten ist.

Ira Marsch