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Stadt, Land, Fluss – Lehrerin an der Deutschen Schule London

Datum 19.08.2014

Dr. Heide Pilarczyk unterrichtet seit August 2012 Französisch, Geschichte und Politik als Auslandsdienstlehrkraft an der Deutschen Schule London.

Wer einmal länger im Ausland gelebt hat, der kennt vielleicht diesen drängenden Wunsch, aus dem Alltag auszubrechen, etwas Neues zu entdecken und durch den Blick von außen auf sich und die eigene Kultur beides besser zu verstehen. Die Zeit, in der ich als Schülerin und im Studium längere Zeit im Ausland verbracht hatte, lag lange zurück und langsam wurde das Fernweh stärker und die Vorstellung, die nächsten 25 Jahre den immer gleichen Schulweg anzutreten, zunehmend unerträglich. Glücklicherweise ging es meinem Mann genauso, sodass der Schritt, sich als Auslandsdienstlehrkraft (ADLK) bei der ZfA zu bewerben, nahelag. Und wie einfach alles ist! Wer sich entscheidet, ins Ausland zu gehen, muss nur die entsprechende Weiche stellen und fährt dann mühelos auf dem Parallelgleis weiter. In unserem Fall mussten wir ein wenig warten, bis schließlich eine Reihe von interessanten Schulen Bedarf für meine Fächerkombination hatte. So saßen mein Mann und ich eines Abends auf dem Sofa und freuten uns über die tolle Auswahl. "Aber was machen wir, wenn sich nun auch noch London meldet?", fragte mein Mann ohne jeden Anlass, aus dem Nichts. Die Antwort war für uns beide klar. And here we are. Seit August 2012 unterrichte ich als ADLK Französisch, Geschichte und Politik an der Deutschen Schule London (DSL).

Von Hamburg nach London

Dr. Heide PilarczykQuelle: Dr. Heide Pilarczyk

Für unsere Kinder, damals fünf und acht Jahre alt, war der Wechsel am schwersten. "Ihr habt uns gar nicht gefragt", beschwerte sich mein Sohn, der partout nicht aus Hamburg, von seinen Freunden und vor allem von seinem Fußballverein wegwollte. Wer seine Kinder verpflanzen will, der muss sich auf Verlustängste gefasst machen. Zum Glück haben sich diese in unserem Fall sehr schnell gelegt. Der Nach- und zugleich auch Vorteil an den Auslandsschulen ist, dass sie häufig eine hohe Fluktuation (oft 30%) haben, sodass die Kinder an den Schulen nicht nur daran gewöhnt sind, von Freunden Abschied zu nehmen, sondern auch daran, Neuankömmlinge aufzunehmen. Und so war es auch für unsere Kinder; sie waren umgehend integriert und glücklich an ihrer Schule.Gerade für sie wird der Zugewinn nicht nur die englische Sprache sein, deren Beherrschung angesichts des dominanten deutschen Umfelds noch etwas auf sich warten lässt, sondern vor allem die Erfahrung, ein anderes Land zu entdecken, offen zu sein für das Andere und zu erleben, dass Freundschaften auch über die Entfernung hinweg Bestand haben.

Die Arbeit als ADLK

Wer als ADLK ins Ausland geht, muss ein volles Deputat von aktuell 25,5 Wochenstunden übernehmen und sich natürlich auch darüber hinaus für die Schulgemeinschaft engagieren. Dies ist nur möglich, wenn der Partner sich darauf einstellt, Haushalt und Familie zu schultern. Hätte mein Mann seine Stelle nicht wesentlich reduzieren und nach London mitnehmen können, wäre das Projekt Ausland für uns nicht möglich gewesen. Dabei ist diese Rollenverteilung selbst im Jahr 2014 noch ungewöhnlich. "Ein Maaaaannnn!" riefen die Mütter noch in den ersten Monaten, in denen mein Mann bei coffee mornings und anderen Elternveranstaltungen erschien. Mittlerweile aber hat sich ein zweiter Vater dazugesellt und die Aufregung gelegt.

Die Arbeit als ADLK ist gut bezahlt – selbst ein so teures Pflaster wie London lässt sich finanziell bewältigen – und bedeutet auch eine gewisse Verpflichtung, an der Schulentwicklung mitzuarbeiten. Dabei lässt sich an einer mit ca. 700 Schülern kleinen Auslandsschule deutlich mehr und schneller gestalten als im Inland. In meinem Fall waren/sind die Implementierung eines Lernkompetenzcurriculums, die Arbeit an kompetenzorientierten Fachcurricula oder auch der Ausbau von bilingualem Unterricht spannende und lohnende Aufgaben, die häufig mit einem anregenden Austausch mit den deutschen Auslandsschulen der Region verbunden sind. Die Mehrarbeit, die hier im konzeptuellen Bereich anfällt, wird zum Teil durch den dank kleinerer Klassen geringeren Korrekturaufwand wieder aufgefangen. Andere Faktoren, die das Arbeiten angenehm machen, sind die gute technische Ausstattung der Schule, die netten und engagierten Schüler oder auch die lauschige Lage der DSL.

Eine Schule im Grünen

Eine Schule im GrünenQuelle: Dr. Heide Pilarczyk

Leben wir wirklich in der größten Stadt Europas (Istanbul einmal ausgenommen)? Auf dem Weg zur Schule müssen wir morgens regelmäßig stoppen, weil eine Rotte Hirsche die Straße überquert, Füchse streifen durch unseren Garten, Sittiche fliegen darüber hinweg, Pferdeäpfel pflastern bisweilen den Zugang zur Schule, die Schüler bauen ein Boot, mit dem sie auf dem Flussabschnitt hinter der Schule an Rennen teilnehmen können, der Blick aus dem Klassenzimmer geht ins Grüne – und bleibt erst wieder an einem Herrenhaus aus dem frühen 18. Jahrhundert hängen, das seit der Gründung der Schule 1971 Sitz der Verwaltung ist. Im schönen und schicken Vorort Richmond gelegen, zwischen dem riesigen Richmond Park und der Themse, stellt die DSL eine wahre Idylle dar. Und doch ist man, wenn alles gut geht, in 30 Minuten mitten in London.

London vor der Tür

Für eine Auslandsschule ist es ein Muss, das Gastland in das Schulgeschehen einzubeziehen. Die DSL hat daher ein Curriculum mit bilingualen Unterrichtseinheiten in den verschiedenen Fächern erstellt und ist bemüht, parallel zu deutschen Unterrichtsinhalten immer auch die britische Seite zu thematisieren und durch den Besuch außerschulischer Lernorte erlebbar zu machen. Welch ein Luxus, mit den Schülern durch die Houses of Parliament geführt zu werden, sich durch die engen Sitzreihen des House auf Commons zu zwängen und in der Halle zu stehen, in der schon Wilhelm der Eroberer stand oder Thomas Morus verurteilt wurde, durch Churchills unterirdische Kriegszentrale zu streifen oder den prachtvollen Palast Heinrichs VIII. zu besichtigen – um nur die historischen Highlights herauszugreifen…

Mitten in London, in South Kensington, befindet sich auch das Lycée Français, das mit seinen 3000 Schülern aus allen Nähten platzt. Die gegenseitigen Besuche sind für unsere Französischschüler eine große Bereicherung – und erinnern mich immer ein wenig an die Geschichte von der Feldmaus und der Stadtmaus. Neben der französischen Schule hat die DSL auch einen regen Austausch mit den englischen Schulen der Umgebung, insbesondere mit deren Deutschabteilungen. So bekommen englische und deutsche Schüler aller Jahrgangsstufen immer wieder einen Eindruck vom anderen Schulsystem. Aus dem englischen System hat die DSL eine in meinen Augen wunderbare Einrichtung übernommen: die assemblies, regelmäßige Versammlungen der verschiedenen Jahrgangsstufen, in denen die Schüler Unterrichtsergebnisse, Kunststücke oder Erfahrungsberichte vorstellen und Ehrungen entgegennehmen. Hier zeigt sich für mich besonders, wie gewinnbringend der Austausch mit dem Gastland ist.

Multinationalität als Herausforderung

Deutsche Schule LondonQuelle: Dr. Heide Pilarczyk

"Ich weiß dich" – es kann passieren, dass man mit diesen netten Worten des Wiedererkennens von Kindern der unteren Jahrgänge begrüßt wird. Ein solches Sprachkuddelmuddel ist typisch für eine Auslandsschule, an der man auf Kinder mit sprachlich vielfältigem Hintergrund trifft. Obwohl die Schüler der DSL in der Regel wenigstens ein deutschsprachiges Elternteil haben, sind viele von ihnen zwei- oder sogar dreisprachig.

Zunächst war ich als Fremdsprachenlehrerin angesichts all dieser Menschen, die mit spielerischer Leichtigkeit zwischen den Sprachen springen, ausgesprochen neidisch. Doch nach zwei Jahren an der DSL habe ich erkannt, dass die Vielsprachigkeit häufig – nicht immer! – zu Lasten einer fundierten Sprachbeherrschung geht, zumindest kann ich das für das Deutsche sagen. Denn wenn es beispielsweise im Geschichtsunterricht darum geht, historische Quellen zu analysieren, dann kommt es auch auf das Erkennen von Zwischentönen, Ironie, Konnotationen und Sprachregistern an. Diese Fähigkeit aber geht häufig verloren, wenn man mit mehreren Sprachen jongliert, sodass ich die Quellenanalyse hier viel kleinschrittiger angehen muss. Für den Fremdsprachenunterricht bringt die Verwurzelung in mehreren Sprachen Vor- und Nachteile mit sich. So können die Schüler einerseits viel mehr Vokabeln herleiten und sich erschließen; andererseits ist es schwierig, ihnen nachhaltig zu vermitteln, dass Vokabellernen unabdingbar ist, wenn sie doch daran gewöhnt sind, dass ihnen die Sprachen nur so zufliegen.

Doch nicht nur die sprachliche Ausrichtung der Schüler bedeutete eine Umstellung für mich: "Who are these people?" fragte ein Schüler in meiner ersten Politikstunde 2012, nachdem wir bereits zehn Minuten über die in Deutschland medial doch recht breit aufbereitete Personalie Christian Wulff / Joachim Gauck diskutiert hatten. Ich war fassungslos und merkte zum ersten Mal, dass ich im Politikunterricht anders würde ansetzen müssen als in Hamburg. Gleiches gilt für den Geschichtsunterricht, der sehr stark auf die deutsche Geschichte ausgerichtet ist. Während ich im Inland immer mit der nationalen Identifikation der Schülerinnen und Schüler arbeiten konnte und diese als roten Faden mitlaufen lassen konnte (Wie will sich ein Volk definieren? Welche grundlegenden Werte sind zu sichern? Wie gedenken wir unserer Vergangenheit?), schlägt mir hier freundliche multinationale Indifferenz entgegen. Die Kurskombination von Oberstufenschülern mit US-amerikanischem, ägyptischem, französischem, italienischem, russischem, schweizerischem, österreichischem und – ja, auch das – deutschem Hintergrund stellte mich in den letzten zwei Jahren vor eine echte Herausforderung.

Abitur und IB

Die Multinationalität der Schüler ging Hand in Hand mit der Verzahnung von IB (International Baccalaureate) und Regionalabitur, was die Schüler der DSL seit 2013 in Form einer Doppelqualifikation ablegen können. Während im Abitur, das für alle Schüler verbindlich ist, vor allem deutsche Geschichtsthemen relevant sind, verlangt das IB die kontrastive Auseinandersetzung mit italienischer, spanischer, russischer, chinesischer und britischer Geschichte. Nach zwei Jahren kann ich sagen, dass ich der in diversen Bildungsplänen immer wieder eingeforderten "Multiperspektivität" des (Geschichts)unterrichts nie so nahe gekommen bin wie hier. Doch das IB brachte noch in anderer Hinsicht Neues, denn es verlangt mit seinen speziellen Aufgabenformaten mehr Selbständigkeit und wissenschaftliches Arbeiten von den Schülern. Glücklicherweise werden diese darin auch von der kleinen, aber feinen Bibliothek der DSL und den überaus engagierten und speziell für IB-Bedürfnisse geschulten Bibliothekarinnen unterstützt.

Oberflächlich betrachtet war es vor allem die Oberstufenarbeit der letzten zwei Jahre, die mich vor die Aufgabe stellte, unterschiedliche systemische Ansätze, nationale Entwicklungen und Blickwinkel zu integrieren. Doch letztlich ist genau dies Alltag und Programm einer Auslandsschule; schließlich setzt sich allein das 60-köpfige Kollegium der DSL aus Lehrerinnen und Lehrern zusammen, die aus verschiedenen Teilen der Bundesrepublik kommen, die zum Teil Erfahrungen von anderen Auslandsschulen oder englischen Schulen mitbringen oder die aus englischsprachigen Ländern stammen. Auch diese Vielfalt hilft, das Gewohnte zu hinterfragen und Neues zu entdecken.

Kulturschock?

Big Ben in LondonQuelle: Dr. Heide Pilarczyk

Aber bedeutet der Umzug ins Vereinigte Königreich wirklich so viel Neues? Eine Stunde und 20 Minuten braucht der Flieger von Hamburg nach London, die Strecke könnte man fast pendeln! Und natürlich ist England ein zentraler Teil der europäischen Geschichte und Kultur und damit alles andere als fremd. Dennoch: Gerade wenn man länger hier lebt, entdeckt man die vielen Unterschiede. Angefangen mit dem beruflichen Entwicklungsspielraum, der es jedem erlaubt, von einem Tag auf den anderen etwas zu werden, wofür man im "langweiligen" Deutschland eine langwierige (und qualitätssichernde) Ausbildung braucht – Handwerker etwa. Oder aber die Fähigkeit, immer über sich selber zu lachen und nicht alles so ernst zu nehmen – auch nicht die Weihnachtsgeschichte, weshalb zum Gottesdienst an Heiligabend gerne auch einmal ein Fehlerlesen derselben gehört. Oder aber die fröhliche Anarchie, mit der sich die in Weihnachtspullover und blinkende Elchgeweihe gekleideten Engländer beim Christmas Carol Singalong der nachdrücklichen Bitte der Royal Albert Hall widersetzen und sämtliche 6000 Programmzettel als Papierflieger von den Rängen werfen. Vieles bleibt ungewohnt, anders und zu entdecken. Genauso, wie wir es uns gewünscht haben.

Dr. Heide Pilarczyk