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Zwischen Streiks und Grillfesten - als Bundesprogrammlehrkraft in Argentinien

Datum 11.03.2016

Freudestrahlend steht Kerstin Unseld schon am Treppenabsatz "ihrer" Schule, der Deutschen Schule Hurlingham, als am Morgen des 30. November 2015 sieben weitere Lehrkräfte die Eingangshalle betreten. Alle acht wurden von der ZfA an DSD-Schulen in Argentinien vermittelt, um dort Deutsch als Fremdsprache (DaF) zu unterrichten.

In diesem weit ausgedehnten Land liegen zwischen den Einsatzorten der vermittelten Lehrkräfte zum Teil Distanzen von mehreren hundert und sogar über tausend Kilometern, sodass das jährliche Wiedersehen für alle Kolleginnen und Kollegen ein besonderer Moment ist.

Zu dem dreitägigen Seminar lädt die Fachberaterin Stephanie Weiser die Bundesprogrammlehrkräfte (BPLK) an jedem Schuljahresende ein, um mit ihnen Fortbildungsveranstaltungen für Ortslehrkräfte und Projekte für Schülerinnen und Schüler zu planen und auszuarbeiten. Die Ideen zu den einzelnen Schwerpunktthemen stammen häufig von den BPLK selbst, denn aus ihrer Erfahrung wissen sie, wo der Schuh die argentinischen Lehrkräfte am meisten drückt.

Vielfältige Themen

Zwischen Streiks und Grillfesten - als Bundesprogrammlehrkraft in Argentinien Zwischen Streiks und Grillfesten - als Bundesprogrammlehrkraft in ArgentinienQuelle: Verena Ernst

Kristina Plähn hat im abgelaufenen Schuljahr bereits ein Seminar zur Prävention von Unterrichtsstörungen durchgeführt, und im kommenden Jahr möchte sie das Thema Argumentation in Angriff nehmen. „Die argentinischen Schüler kennen die problemorientierte Auseinandersetzung mit Sachthemen zumeist nicht aus den anderen Fächern. Für die DSD-Prüfungen müssen wir deshalb über einen langen Zeitraum diese Fähigkeit fördern. Das ist manchmal mühsam, aber es ist möglich“, fasst Plähn ihre vierjährige Erfahrung an der DS Bariloche zusammen. Gemeinsam mit Susanne Cuevas bereitet sie nun eine Fortbildung zum systematischen Aufbau dieser Kompetenz ab der 7. Klasse vor.

Währenddessen erstellen Anja Carstens und Stefan Isenberg ein Fortbildungskonzept zum Thema problem- und handlungsorientierter Unterricht, eine ideale Mischung aus wissenschaftlichen Grundlagen und vielen praktischen Übungen. Am nächsten Tag findet Stefan Isenberg sogar noch Zeit, um seine Projektidee für das DSD-Sprachcamp in den bevorstehenden Sommerferien auszuarbeiten: Dabei werden sich die Teilnehmer ganz praktisch mit Fragen zu Ernährung und Gesundheit auseinandersetzen. Auch Anja Carstens wird die etwa 65 Jugendlichen im Februar wieder ins Schullandheim begleiten und ihren Theater-Workshop anbieten, der sich schon beim letzten Mal bewährt hat.

An einer anderen Ecke des Konferenztisches beratschlagen Anke Krellmann und Kerstin Unseld mit der Fachberaterin über das weitere Vorgehen bei der Blended-Learning-Fortbildung DSD GOLD. Gemeinsam tutorieren sie seit Juni 2015 den ersten Kursraum, und weil die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen so anregend und fruchtbar ist, möchten sie im nächsten Schuljahr gleich eine zweite Runde für weitere Ortslehrkräfte anbieten. Bei der Begleitung der Kursteilnehmer kommen den beiden BPLK ihre Erfahrungen zugute, die sie schon in anderen Ländern im DaF-Unterricht und mit dem DSD der KMK gesammelt haben.

Austausch und Tipps sind Gold wert

Neben all der fachlichen Vorbereitung soll aber an den drei Seminartagen in Hurlingham auch der Austausch unter den BPLK nicht zu kurz kommen, denn vieles ist in Argentinien ganz anders, als sie es aus Deutschland kennen. Da sind die Tipps der anderen Gold wert, sei es bei lebenspraktischen oder administrativen Fragen wie Autokauf und Versicherung, sei es im Umgang mit den einheimischen Jugendlichen. Verena Ernst, die nun schon im vierten Jahr an der DS Córdoba arbeitet, erinnert sich noch an ihre Anfangszeit: "Für meine Vorstellungen waren die Schüler viel zu laut und unkonzentriert, und keiner war es gewohnt, sich zu melden. Inzwischen habe ich einen Mittelweg gefunden zwischen meinen Ansprüchen und dem, was die Schüler gewohnt sind."

Auch am argentinischen Rhythmus hat sie bald Gefallen gefunden. "In Argentinien wurde das Wort ‚Stress‘ nie in den Wortschatz aufgenommen. Hier geht es viel gemütlicher zu als in Deutschland. Sonntags trifft man sich zu einem Asado – Grillen – mit Familie oder Freunden zu Hause oder am Fluss", erzählt sie. Besonders schwärmt sie von ihren Ausflügen ins Bergland von Córdoba und von ihren Reisen durch das ganze Land: "Hier gibt es sehr viele Feiertage, und die zahlreichen langen Wochenenden nutze ich trotz großer Entfernungen, um die verschiedenen landschaftlich so einzigartigen Ecken Argentiniens kennenzulernen."

Leben in der Metropolregion Buenos Aires

Wer wie Susanne Cuevas mit Kindern hierher zieht, weiß ebenfalls viele Vorteile zu schätzen: eine extrem kinderfreundliche Kultur, den jugendlichen Altersdurchschnitt der Bevölkerung, ganzjähriges Outdoor-Wetter, ein reiches Angebot an Sportaktivitäten entlang dem Rio de la Plata und im Tigre-Delta. Cuevas kennt inzwischen auch alle Seiten des Schullebens und erklärt: "Wer Kinder im schulpflichtigen Alter hat, wird mit Sicherheit über die zeitliche Belastung in der Ganztagsschule stöhnen. Andererseits genießen Schulkinder hier bei Geburtstagsfeiern oder privaten Pyjama-Partys mit Klassenkameraden und den jährlich stattfindenden Schullandheimfahrten ein ungekannt herzliches Gemeinschaftsgefühl, bei dem sich Schule und Privatleben vermischen."

Wie drei weitere BPLK wohnt und arbeitet Cuevas in der Metrolpolregion Buenos Aires. Ihre Schulen liegen auf einem Durchmesser von ca. 60 Kilometern verteilt. So groß und vielfältig wie das Einzugsgebiet sind natürlich auch die Möglichkeiten. Reine Wohngegenden gibt es ebenso wie sehr pulsierende Viertel, wo das Nachtleben gegen Mitternacht beginnt und nicht vor dem Morgengrauen endet. In zahlreichen Parks tummeln sich an den vielen Sonnentagen im Jahr die Menschen zum Joggen, Lesen oder Matetrinken und bei Regenwetter lockt ein übergroßes Angebot an Kulturzentren, Museen, Theatern und Cafés.

Argentinische Lebensart

Zwischen Streiks und Grillfesten - als Bundesprogrammlehrkraft in Argentinien Zwischen Streiks und Grillfesten - als Bundesprogrammlehrkraft in ArgentinienQuelle: Verena Ernst

Da hat es Anke Krellmann schon etwas übersichtlicher. Sie lebt in Mar del Plata, also dort, wo die Hauptstädter im Sommer ihren Strandurlaub verbringen. Das restliche Jahr aber findet sie hier an der Meeresluft den nötigen Abstand, den man manchmal braucht, damit die Unwägbarkeiten das deutsche Gemüt nicht zu sehr aus der Ruhe bringen. Denn auch in den Provinzstädten ist der von Verwaltungsgängen, Streiks und Verspätungen geprägte Alltag nicht nur reine Entspannung.

Dennoch: Wer sich einmal an die argentinische Lebensart gewöhnt hat, der kommt nicht mehr so leicht weg. So geht es nun auch Verena Ernst. "Nach langen Überlegungen habe ich mich entschieden, nach diesem Schuljahr zurückzugehen, weil ich den beruflichen Einstieg in Deutschland nicht länger aufschieben möchte. Es wird mir nicht leicht fallen, mein Leben in Córdoba zurückzulassen, denn nach einem etwas holprigen Start läuft mein Leben in Argentinien jetzt ganz rund", sagt sie. Und nimmt wieder einen Schluck aus dem Mate, diesem bitteren Getränk, ohne das kein echter Argentinier existieren kann.