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Kanada: The world in a nutshell

Datum 18.10.2017

2009 stand ich vor der Entscheidung, mit meiner Dienstelle, der Kultusministerkonferenz (KMK), von Bonn nach Berlin umzuziehen oder als ZfA-Fachberater nach Toronto zu gehen. Wenn schon umziehen, dann auch richtig, dachten wir uns, und so sind meine Frau und ich auf den Posten nach Toronto gezogen, um von dort aus in den kommenden acht Jahren das Deutschprogramm an Schulen in der Osthälfte Kanadas zu betreuen.

Dienstreise im Westen Kanadas Kanada: The world in a nutshellQuelle: Friedrich Broeckelmann

Meine Region umfasste mit Ontario, Quebec und den Atlantikprovinzen einen Bereich von ca. 2.000 Kilometern von West nach Ost und von der US-Grenze bis nach Unendlich im Norden. Mein Kollege, der ZfA-Fachberater für den kanadischen Westen, saß 3.500 Kilometer weiter in Edmonton, Alberta. Zweifellos also ein großes Land. Würden die Aufgaben ebenso unüberschaubar sein?

Deutschunterricht mit dem Ziel des Deutschen Sprachdiploms (DSD) wird in Kanada vor allem an sogenannten Samstagsschulen erteilt. Dies sind private Initiativen, an denen Schülerinnen und Schüler am Wochenende ergänzend zur Highschool so gut und lang Deutsch lernen können, dass sie am Ende das DSD II und damit eine sprachliche Studienberechtigung in Deutschland erwerben. Meine Schulen verteilten sich über die großen Zentren von Toronto, Ottawa und Montreal bis nach Halifax am Atlantik. Samstagsunterricht in kanadischen Metropolen - damit sind bereits zwei Eckpunkte der Tätigkeit abgesteckt: Hauptarbeitszeit sind die Wochenenden und zur Arbeit geht es meist mit dem Flugzeug.

Neben den Samstagsschulen gibt es nur wenige öffentliche Schulen mit einem DSD-Programm. Kanadische Schüler lernen höchstens drei Jahre eine zweite Fremdsprache, dies kann neben Deutsch auch Italienisch, Portugiesisch, Spanisch, Mandarin, Koreanisch, Arabisch (die Reihe ließe sich verlängern) sein - mit anderen Worten: Die Konkurrenz ist groß und die Deutschfachschaften müssen ein exzellentes Programm anbieten, um in diesem Feld zu bestehen. Mit der University of Toronto Schools (UTS) und dem Oberstufenzentrum Ahuntsic in Montreal habe ich zu Beginn meiner Tätigkeit zwei großartige kanadische Schulen mit wunderbaren Kolleginnen und Kollegen vorgefunden, die unser Programm im öffentlichen Schulbereich vertreten. Mit dieser Konstellation war das Aufgabenfeld dann auch inhaltlich abgesteckt: Fachliche Unterstützung der Samstagsschulen und Ausweitung des DSD-Programms auf weitere öffentliche Schulen in der Region.

Sehr viel Abwechslung und noch mehr Entscheidungsspielräume

Was tut ein Fachberater nun so den lieben langen Tag? Mein Arbeitsplatz war das Arbeitszimmer unserer Wohnung im 33. Stock eines Hochhauses in Downtown Toronto. Der Blick geht aus dem Fenster über den Ontariosee bis zum Südufer mit den Niagara Falls und der US-Grenze. Reichlich Ablenkung also, aber ich habe schnell einen Rhythmus gefunden, um mit "meinen" Schulen zu korrespondieren und zu telefonieren, Fortbildungskonferenzen vorzubereiten, Schülerwettbewerbe auszuwerten, Absprachen mit den Kollegen in den Goethe-Instituten und Auslandsvertretungen zu treffen und um die zahlreichen Verwaltungsaufgaben zu erledigen, die vor allem mit der finanziellen Förderung der Schulen verbunden sind. Viel Schreibtischarbeit also, sehr viele Vorträge und Workshops bei Lehrerfortbildungen und, in den Prüfungszeiten zum Jahreswechsel und in der Osterzeit, mündliche Examen am laufenden Band. Sehr viel Abwechslung und noch mehr Entscheidungsspielräume! So vielfältig die Aufgaben in Kanada auch sind, sie haben einen gemeinsamen Kern: Immer neue Antworten auf die Frage zu finden, warum Schüler Deutsch lernen sollen in einem Land, das bereits großartige Chancen und Perspektiven bietet.

Lernen als Lebenskonzept

Kanada ist längst nicht mehr nur das Land der Holzfäller, Bären und Angler. In den Metropolen wie Toronto und Montreal geben Finanzmärkte, HighTech Unternehmen und die Unterhaltungsindustrie den Ton an. Zur Zeit des Toronto International Film Festival (TIFF) sind die Straßenschluchten der Innenstadt von Menschenschlangen durchzogen, die entweder noch ein Ticket ergattern wollen oder auf das Erscheinen von George Clooney, Meryl Streep oder eines anderen Stars vor der Lobby eines Hotels warten. Wer an einem beliebigen Wochentag in der Straßenbahn oder einem der unzähligen Cafés unterwegs ist, sieht vor allem junge Leute über ihre Laptops und Bücher gebeugt beim Studium. In Kanada wird Lernen ganz groß geschrieben, es ist ein Lebenskonzept, das im Kindergarten beginnt und sich als Lifelong Learning bis ins Alter fortsetzt. Das erste Mal war ich ganz schön überrascht, als ich beim Besuch einer Deutschklasse zwischen den Teenagern einige grauhaarige Damen und Herren fand, die neben ihren jüngeren Mitschülern mit Schere und Klebstift Einsetzübungen im Grammatikunterricht machten. Ich habe mich an das Bild gewöhnt: Jeder Kandier hat die Chance, immer weiter (z. B. Deutsch) zu lernen, und viele nutzen die Gelegenheit.

Sind wir wirklich in Nordamerika?

An dieser Stelle sind ein paar Schlaglichter auf das Leben in Kanada am Platz: Wer durch die Straßen von Toronto oder Montreal geht, trifft auf engem Raum die ganze Welt. Kanada ist die neue Heimat für Zuwanderer aus allen Kontinenten. Über die Hälfte der Bewohner Torontos sind nicht in Kanada geboren. Vor allem die Zuwanderung aus Südostasien prägt das Leben. An einem Frühsommertag stehe ich in der Aula der UTS und vergebe Preise an besonders erfolgreiche Deutschlernende. Beim Blick ins Auditorium der versammelten Schulgemeinde stutze ich einen Augenblick: Sind wir wirklich in Nordamerika, oder wurden wir nach Singapur oder nach Shanghai gebeamt? It's the world in a nutshell. Hier kommen Schüler aus allen Ecken der Welt, besonders aus Asien und dem Mittleren Osten, zusammen. Wer es sich leisten kann, schickt sein Kind auf eine der renommierten Privatschulen und Universitäten und stellt die Weichen für eine akademische Karriere. Die kanadische Regierung tut sehr viel, um den Zuwanderern in Kanada rasch eine Heimat und lebenslange Perspektive zu geben. Zugleich fördert sie aber auch die Verbindung zur Kultur der Herkunftsländer, z.B. durch fortgeführten Unterricht der Muttersprache. Die Grundidee: Kanadischer Bürger werden und zugleich Kind des Herkunftslandes bleiben.

Deutschland und die deutsche Sprache sind in diesem Zusammenhang für die Schüler attraktiv, die ihren internationalen Erfahrungsraum noch weiter ausdehnen wollen. Und so dreht sich die Fachberatertätigkeit in Kanada immer wieder darum, Neugierde zu wecken und für die Begegnung mit Deutsch(land) zu motivieren. Eine der Schülerinnen, die an diesem Vormittag einen Preis in der UTS entgegen nahmen, war eine junge Kanadierin, die einige Jahre zuvor aus China zugewandert war. Nach Mandarin, Kantonesisch, Englisch und Französisch hatte sie sich für das Deutschlernen entschieden und bei einem Wettbewerb des Goethe-Instituts eine Reise nach Deutschland gewonnen. Wenig später legte sie Ihre DSD II-Prüfung ab. Thema ihrer Präsentation waren verschiedene Dialekte, die ihr zwischen München und Frankfurt begegnet waren. Nach drei Jahren Deutschunterricht! Sicher eine Ausnahme, vor allem aber ein Beispiel für das Potenzial, das wir in Kanada gewinnen können: besonders ehrgeizige und motivierte junge Menschen, die ihre Zukunft nicht in einem Land, sondern in der Welt sehen.

"Welcome, nice to have you back to Canada"

Und wie geht es einem so als deutscher Experte in diesem Aufgabenfeld? Bei der Rückkehr von einer Auslandsreise begrüßt der/die kanadische Immigration Officer einen regelmäßig mit einem: "Welcome; nice to have you back to Canada!" Dieser Grundton setzt sich im Alltagsleben fort: In Kanada werden Höflichkeit und gegenseitige Wertschätzung besonders groß geschrieben, auch jedes Gespräch mit einer Behörde beginnt mit einem freundlichen Smalltalk, Schlangestehen ist eine kanadische Leidenschaft, die alle immer schnell ans Ziel führt. Jedenfalls so schnell wie möglich. In Kanada wird die gegenseitige Fürsorge und besonders die Sorge um die Sicherheit ganz groß geschrieben: Kein Bauloch in Toronto, das nicht auf allen Seiten von einem Polizisten bewacht wird, der die Fußgänger auf die besonderen Gefahren hinweist, keine Pfütze in einem öffentlichen Gebäude, die nicht mit Warnschildern umzingelt wäre. Und wenn doch mal etwas schiefgeht? Auf einer Dienstreise mit dem Zug von Toronto nach London, Ontario (London am Themse River; in Westontario findet sich die ganze Geografie Westeuropas noch mal auf engstem Raum wieder) auf dieser Dienstreise also, in einer stürmischen kanadischen Winternacht fiel der Zug aus und alle Insassen mussten auf den kleinen Bahnhof von Stratford on Aven, Ontario (!) evakuiert werden. 150 Passagiere, viele Geschäftsreisende, deren Pläne für die kommenden Stunden über den Haufen geworfen wurden. Bezeichnend ist, was NICHT passierte: keine lauten Proteste, keine empörten Anrufe bei der Bahnverwaltung, kein Geschrei. Stattdessen: Smalltalk, neue Bekanntschaften, Manager, die Kleinkinder bei ihren ersten Gehversuchen unterstützen. Der Ersatzzug kommt nach 1 1/2 Stunden, alle steigen gelassen ein (natürlich in einer Warteschlange!) und es geht entspannt weiter.

Kanada und Deutschland sind nicht nur politisch enge Verbündete. Sie teilen die Grundwerte offener Gesellschaften ebenso wie ihr Warenangebot. In der kanadischen Öffentlichkeit ist die Bewunderung für deutsche Technologie, die Erfolge der Wiedervereinigung und die Willkommenskultur des Jahres 2015 groß; ebenfalls groß ist bekanntlich die Sehnsucht deutscher Auswanderer nach Kanada. Also eine große gegenseitige Zuneigung, unter deren Oberfläche sich viele Unterschiedene im Alltagsleben verbergen; und je länger man in Kanada lebt, umso mehr Unterschiede entdeckt man. Wer in Kanada als deutscher Experte für den Bildungs-Standort Deutschland wirbt, darf mit dem Paradox leben, dass er froh ist, einen Teil seines Lebens in Kanada verbracht zu haben, um andere für das Leben in Deutschland zu gewinnen.

Friedrich Broeckelmann