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Oberstufenkoordinator unter dem Tafelberg

Datum 12.03.2014

Franz Seiwert ist Auslandsdienstlehrkraft an der Deutschen Internationalen Schule Kapstadt.

Alles begann damit, dass ich auf einer Geburtstagsfeier eine aus Usbekistan zurückgekehrte Kollegin kennenlernte. Ihre Berichte von ihrem Auslandseinsatz an einer Deutschen Schule waren derart interessant und spannend, dass in mir die Lust entstand, so etwas auch mal zu machen. Nach 15 Jahren an einem Berufskolleg ohne große Möglichkeiten, sich entwickeln zu können, musste ich nur noch meine Frau überzeugen.

Natürlich freut man sich darauf, in ein völlig fremdes Land tief einzutauchen und Menschen und das Leben dort hautnah mit allen positiven und negativen Überraschungen kennen zu lernen. Aber ist man auf der anderen Seite bereit, die Verbindung nach Deutschland für Jahre zu kappen? Klar, es gibt das Internet und Skype, aber das ersetzt nicht die persönlichen Besuche bei den Eltern, bei Freunden, im Sportverein. Dass meine Frau ihren Job aufgeben muss und im Ausland außerhalb der Schule in der Regel auch keinen Job annehmen darf, gehört ebenfalls zu den negativen Punkten, die man in Kauf zu nehmen hat. Nach einigen Monaten und Diskussionen stand dennoch unsere Entscheidung fest: Wir gehen raus.

Telefonisches Angebot aus Kapstadt

Franz Seiwerts Tochter bei ihrer Einschulung an der DS Kapstadt Oberstufenkoordinator unter dem Tafelberg – DS KapstadtQuelle: Franz Seiwert

Da die Mühlen der Behörden bekanntlich langsam mahlen, lagen letztendlich zwischen erstem Antrag und erstem Angebot aus dem Ausland anderthalb Jahre. Wir hatten damit gerechnet und die Bewerbung so gelegt, dass unsere älteste Tochter im Jahr des Wechsels sechs Jahre alt wurde. Sie sollte an der Deutschen Auslandsschule eingeschult werden. Ein Jahr später würde unser Sohn folgen, der vorher in den deutschen Kindergarten gehen sollte, der vielen Deutschen Auslandsschulen angeschlossen ist. Nach der Ablehnung einiger Auslandsangebote kam mitten im Schwarzwälder Sommerurlaub dann vom Schulleiter Hermann Battenberg aus Kapstadt ein telefonisches Angebot, das uns schnell überzeugte.

Anstrengend und auch nervenaufreibend verlief dann die Vorbereitungszeit. Versicherungen umstellen oder kündigen, Behörden und Ämter informieren, Autos verkaufen, Haushalt auflösen, Container bestellen, Visum beantragen. Beim Start in Kapstadt unterstützte uns ein erfahrener ADLK-Kollege als Pate, der uns mit Rat und Tat auch schon vorher per E-Mail zur Seite stand.

Tief durchatmen - und erst mal mit dem Unterricht beginnen

Klar stürzt beim Start in das neue Leben erst mal viel auf den neuen ADLK ein. Haus mieten, Auto kaufen, Schule und Kollegen kennenlernen. Gerade das Schulleben ist an Deutschen Auslandsschulen derart umfassend, dass man auch nach Wochen noch nicht annähernd den Durchblick über alle Vorgänge hat. Ist zum Glück aber auch nicht nötig. Für meine Familie und mich war es wichtig, zunächst einmal in Kapstadt anzukommen. Tief durchatmen – bei der herrlich sommerlichen Atlantikluft auch kein Problem – und erst mal mit dem Unterricht beginnen.

Zum Glück funktioniert der Unterricht in Kapstadt wie in Deutschland, so dass man sich hier nicht umgewöhnen muss. In Kapstadt leben 60.000 Deutsche. Die meisten Schüler sind Deutsche oder haben deutschen Hintergrund. Auch aus der ehemaligen deutschen Kolonie Namibia kommen immer wieder Familien nach Kapstadt, die sich ihre deutsche Sprache und Kultur über Generationen erhalten haben. Ich hatte in einem knapp zweijährigen Fernstudium am Goethe-Institut das Fach DaF als Vorbereitung auf den Auslandseinsatz noch nachgeholt. In Kapstadt bin ich allerdings bisher nur in den Klassen mit sehr gut Deutsch sprechenden Schülern eingesetzt worden, so dass ich die DaF-Kenntnisse nicht einsetzen kann. Hauptsächlich in Mathematik eingesetzt freue ich mich darüber, dass ich meine Materialien aus Deutschland fast 1:1 übernehmen kann.

Eindruck aus den kleinen Klassen der Grundschule, hier 1. Schuljahr Oberstufenkoordinator unter dem Tafelberg – DS KapstadtQuelle: Franz Seiwert

Je länger wir in Kapstadt waren, desto mehr begriffen wir auch die Unterschiede zu Schulen in Deutschland. Für einen aus Deutschland kommenden Lehrer ist es erst einmal ungewohnt, dass neben der Schulleitung auch ein Vorstand, bestehend in der Regel aus engagierten und/oder finanzkräftigen Eltern, die Schule regiert. Auch das Elternengagement ist für mich als ehemaligen Berufsschullehrer, der mangels Elterninteresse bisher nur selten einen Elternabend durchführen musste, ungewohnt hoch. So melden sich immer wieder Eltern mit Anfragen per Mail oder wünschen ein persönliches Gespräch in der extra zu diesem Zweck eingerichteten Sprechstunde, die jeder Kollege einmal pro Woche anbietet.

Als Lehrer etwas bewegen

Dass der schulische Einsatz für eine ADLK deutlich höher liegen würde als "zu Hause", ist jedem, der mit einem Auslandseinsatz spekuliert und sich mit der Materie beschäftigt, schon im Vorfeld klar. Neben den oben genannten viel häufigeren Elterngesprächen kommen für die ADLK oft Fachleitungen (bei mir zu Beginn Fachleitung Mathematik und Fachleitung IT) und/oder Mitarbeit in anderen Gremien (bei mir zu Beginn die Steuergruppe) hinzu. Außerdem hat die ADLK "Vorbildfunktion" und so wird erwartet, dass man sich bei den zahlreichen Veranstaltungen (Musik, Lesungen, Sportveranstaltungen, Jahreshauptversammlung, Vorstandseinladung, interkulturelle Events,…) blicken lässt. Wer dies verkennt oder nicht zu persönlichem Einsatz bereit ist, der sollte lieber in Deutschland bleiben. Wer gerne Lehrer ist und vielleicht das eine oder andere bewegen möchte, hat besonders an Deutschen Auslandsschulen die Möglichkeit, sich in seinen Interessensgebieten zu entfalten und die Schule mit seinen Ideen vorwärts zu bringen.

Zahlreiche Arbeitsgemeinschaften

Als begeisterter Sportler freue ich mich sehr darüber, dass auch in Kapstadt die Ganztagsschule realisiert ist. Auf unserem großzügigen Schulgelände können die Kinder täglich nach der Schule bis 16 Uhr in zahllosen AGs ihrer Lieblingssportart nachgehen. Sogar Tennis und Schwimmen werden auf unserem Gelände angeboten. Dazu bieten wir in einem großen Musikcenter Unterricht auf vielen Instrumenten an. Als ehemaliger Handballer habe ich mich gleich dafür engagiert, eine Handball-AG einzurichten, die inzwischen auf fünf Mannschaften in unterschiedlichen Altersgruppen angewachsen ist. Auch das Team, das an der alle zwei Jahre stattfindenden Sportolympiade der Deutschen Schulen im südlichen Afrika teilnimmt, betreue ich. Auf die Reise nach Johannesburg mit den Handball-Vergleichen unter anderem gegen Pretoria und Windhuk im März freue ich mich schon sehr. Inzwischen sind auch die Kapstädter Universität und der südafrikanische Handballverband auf uns aufmerksam geworden und haben unsere beiden ältesten Mädchen- und Jungenteams in die lokalen Handballmeisterschaften einbezogen.

Seit einem Jahr habe ich den Posten des Oberstufenkoordinators an der Deutschen Schule Kapstadt übernommen. Natürlich war mir vorher nur schemenhaft klar, was auf mich zukommt. Zu anders funktioniert das deutsche Abitur in Südafrika, da viele südafrikanische Belange und Vorgaben in Organisation, Durchführung und Notenberechnung eingehen. Die dafür zur Verfügung gestellten Ermäßigungsstunden reichen zwar nicht aus, um den zusätzlichen Aufwand auszugleichen. Aber dafür hat mich das Land Nordrhein-Westfalen mit der sofortigen Beförderung auf A14 überrascht. Neben der Erweiterung des eigenen schulischen Horizonts lohnt sich der zusätzliche Aufwand also auch in dieser Hinsicht. Ärgerlich dagegen, dass trotz horrend steigender Mieten in Kapstadt die Mietzuwendung gekürzt wurde.

Erfahrungshorizont erweitern

Verkehrsschild im Kapstädter UmlandQuelle: Franz Seiwert

Zurück zum Erfahrungshorizont: Auch das Leben in Südafrika erweitert das eigene Wissen. Es ist ein unschätzbares Geschenk an der Deutschen Internationalen Schule Kapstadt unterrichten zu dürfen: Man erlebt durch den täglichen Umgang die Freundlichkeit der Südafrikaner, staunt in den zahlreichen Nationalparks Elefanten, Löwen, Giraffen, Büffel, Nashörner an, fährt beim Radfahren fast über eine Schlange, klettert auf dem Tafelberg herum, ärgert sich über die das Picknick überfallenden Affen, lächelt über die oft völlig veralteten und hoffnungslos mit Arbeitern überladenen Bakkies (=Pickups), meckert über die von Fachbetrieben durchgeführten mangelhaften Reparaturen, freut sich über den billigen Sprit, wartet auf das ewig langsame Internet, vermisst einige gewohnte deutsche Esswaren, bestaunt die älteste Wüste der Erde in Namibia und die Viktoriafälle in Simbabwe und die Palmen auf Sansibar, ist vorsichtig wegen der hohen Kriminalität. Und über allem steht für uns die Tatsache, dass unsere Kinder gleich von Schulanfang an mit der Weltsprache Englisch groß werden.

Natürlich stand für uns schon vorher fest, dass wir ein Verlängerungsangebot der Schule sofort annehmen werden. Noch gibt es viele Stellen, wo ich als Lehrer der Deutschen Schule Kapstadt noch etwas erreichen und verändern kann. Nirgends sind Veränderungen so leicht umzusetzen wie an Deutschen Auslandsschulen. Hier ist der schwerfällige deutsche Beamtenapparat weit weg und die Begeisterung für Innovationen so nah. Noch gibt es viele Orte im südlichen Afrika, die wir bereisen möchten. Noch gibt es viele Dinge aufzusaugen, die hier in Südafrika einfach anders sind und das eigene Wissen und den Horizont erweitern – positive wie negative. Wer Angst vor dem Neuen hat, sollte zu Hause bleiben. Wir haben den Schritt jedenfalls nicht bereut, auch unsere Kinder freuten sich nach dem letzten weihnachtlichen Besuch in Deutschland wieder auf das wunderschöne Südafrika und den Schulbeginn. Was will das Lehrer- und Elternherz mehr.

Franz Seiwert