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"Taiwan? Ach ja, das liegt doch irgendwo in Asien."

Datum 08.01.2014

Daniel Engler unterrichtet seit mehr als drei Jahren als Auslandsdienstlehrkraft an der Deutschen Schule Taipei und ist dort stellvertretender Schulleiter.

So oder so ähnlich ist die häufigste Reaktion, wenn ich in Deutschland erzähle, dass ich als Lehrer in Taipei arbeite. Viele Deutsche denken bei "Tai" direkt an Thailand oder sie bringen Taiwan mit Formosa in Verbindung, stellen es sich dann aber als kleine Insel vor, die bekannt ist für den Ananas-Export. Dass Taiwan ein hoch technisiertes Industrieland ist mit über 23 Millionen Einwohnern auf einer Fläche vergleichbar mit Baden-Württemberg, wissen die meisten Leute nicht. Taiwan ist aber noch vieles mehr, vor allem aber ein toller Platz zum Leben mit zahlreichen hilfsbereiten Menschen und einer beeindruckenden Natur.

Leben in Taipei

Ich bin im Jahr 2010 mit der Sprachfähigkeit eines einwöchigen Intensivkurses Mandarin an der Volkshochschule nach Taipei gekommen und erlebte als erstes, wie es ist, Analphabet zu sein - und ich muss zugeben, auch nach drei Jahren Chinesischkurs vor Ort hat sich daran nur wenig geändert. Die englische Sprache ist zwar verbreitet und wird auch von vielen Taiwanern gesprochen, doch Schilder, Speisekarten oder Busfahrpläne sind oft nur auf Mandarin. Das ist in den ersten Wochen ein Problem, danach merkt man, dass man auch so zurecht kommt. Glücklicherweise haben viele Speisekarten Bilder und wenn nicht, ist immer jemand da, der beim Übersetzen hilft.

Als zweites lernte ich, dass es Taiwaner lieben, sich anzustellen, egal ob an der Bushaltestelle, in der Metro oder vor Restaurants. Man postiert sich friedlich hintereinander und wartet bis man an der Reihe ist. Für Taiwaner ist es auch nicht schlimm eine halbe Stunde oder länger auf einen Tisch im Restaurant zu warten. Womit ich beim Thema Essen bin. Die taiwanische Küche ist sehr vielfältig und sehr schmackhaft, wenn man mal von Seegurke und Stinky Tofu absieht. Neben Gerichten aus allen Regionen Asiens findet man aber ebenso westliche und sogar deutsche Restaurants – nichts schmeckt bei Heimweh so gut wie ein Teller Linsensuppe und Bratwürste mit Kartoffelpüree.

Auch wenn Taipei eine Großstadt mit knapp zwei Millionen Einwohnern ist, liegt sie doch direkt an einem der vielen Nationalparks in Taiwan, so dass man sehr schnell in der Natur ist. Die Natur ist es aber auch, die manchmal einen kleinen Schatten auf das Leben hier wirft. Während der Taifunsaison treffen zwei bis drei Taifune auf Taipei. Diese werden jedoch frühzeitig angekündigt, so dass man sich vorbereiten kann, und sie führen in Taipei nur sehr selten zu wirklichen Problemen. Unangemeldet kommen die Erdbeben, die aber meist nur kurz und verhältnismäßig leicht sind.
Was ebenfalls am Anfang überrascht sind die klimatischen Bedingungen im Winter. Taiwan liegt auf dem Wendekreis des Krebses, im Norden Subtropen, im Süden Tropen. Super, dachte ich beim Kofferpacken in Deutschland, lass ich mal die Winterkleidung zu Hause. Was ich nicht bedacht hatte war, dass es in taiwanischen Wohnungen nur selten Heizungen gibt. Wozu auch, bei einer Jahresdurchschnittstemperatur von 22 °C. Im Winter gehen die Temperaturen in Taipei aber auf 10° bis 12°C hinunter, dazu kommt eine hohe Luftfeuchtigkeit, welche die gefühlten Temperaturen noch einmal herabsetzt. Ausgeglichen wird das im Sommer durch eine feuchtheiße Hitze um 30°C, aber dafür gibt es ja Klimaanlagen und die finden sich – im Gegensatz zu den Heizungen - in fast jedem taiwanischen Haus.

Lebensmittelpunkt Schule

Taipei bei Nacht Daniel Engler ADLK DS TaipeiQuelle: Daniel Engler

Taiwan bietet viele Freizeitmöglichkeiten, aber den Lebensmittelpunkt bildet natürlich die Arbeit an der Schule – und die ist äußerst intensiv. Die Deutsche Schule Taipei ist anerkannt als "Deutsche Schule im Ausland" und zertifiziert als "Exzellente Deutsche Auslandsschule". Wir sind eine Schule mit der Sekundarstufe I, unterrichten also Kinder vom Kindergarten bis einschließlich Klasse zehn. Am Ende der zehnten Klasse nehmen unsere Schülerinnen und Schüler an einer zentral aus Deutschland gestellten Abschlussprüfung teil, deren Klausuren von Kollegen der Schule erst- und zweitkorrigiert und dann noch in Deutschland gegenkorrigiert werden. Der Unterrichtstag beginnt täglich um 8:00 Uhr, nach dem Unterrichtsende um 15:00 Uhr werden noch Arbeitsgemeinschaften bis 16:30 Uhr angeboten. Grundlage für unseren Unterricht sind die in Vorgaben der KMK ausgearbeiteten Kerncurricula, angelehnt an die Curricula von Baden-Württemberg und Thüringen.

Die Schule an der ich als Auslandsdienstlehrkraft seit 2010 unterrichte ist wirklich etwas Besonderes. Die Deutsche Schule Taipei ist nämlich eine Abteilung der Taipei European School, das ist der Zusammenschluss einer großen britischen, einer französischen und einer deutschen Schule unter einem Dach. Die Taipei European School ist unterteilt in eine britische, französische und eine deutsche Sektion, hinzu kommt die High School Section. Dass sich zwei Schulen Räumlichkeiten teilen kommt öfters vor, das Besondere bei uns ist aber der gemeinsame Unterricht über alle Sektionen hinweg. So werden die Schülerinnen und Schüler in den Fächern Kunst, Musik und Sport ab der Klasse fünf, in Chinesisch sogar schon ab Klasse eins sektionsübergreifend gemeinsam unterrichtet. Auch die Arbeitsgemeinschaften im Nachmittagsbereich werden für alle Schülerinnen und Schüler angeboten. Aktionstage wie den jährlichen Europatag begehen wir als ganze Schule und nicht nur als einzelne Sektion.

Zusammenarbeit mit britischer und französischer Sektion

Diese Zusammenarbeit ist gerade für die relativ kleine Deutsche Schule Taipei wichtig, da wir auf die Infrastruktur einer internationalen Schule mit über tausend Schülerinnen und Schülern zurückgreifen können. Außerdem ermöglicht unsere Einbindung in die Taipei European School unseren Schülerinnen und Schülern am Ende der Klasse zehn einen nahtlosen Übergang in das IB-Programm der High School, um dort einen dem Abitur gleichwertigen Abschluss zu machen. Innerhalb dieses Programms bieten wir auch Deutschunterricht auf Muttersprachniveau an.

Die Zusammenarbeit mit der britischen und französischen Sektion kann aber nur funktionieren, wenn alle Beteiligten mitarbeiten und bereit sind, sich zu engagieren. Das äußert sich in verschiedenen Bereichen. Zum Beispiel gibt es in der britischen Sektion eine Kleiderordnung, die Anzughose, Hemd, Krawatte für Lehrer vorsieht. Diese Vorschriften gibt es in den anderen Sektionen nicht. Es hat sich aber gezeigt, dass die Zusammenarbeit mit den britischen Kollegen deutlich besser ist, wenn man sich mit der Kleidung anpasst, so dass auch die deutschen Kollegen in der Regel mit Hemd und Krawatte im Unterricht stehen. Dies fühlte sich für mich am Anfang etwas merkwürdig an, aber man gewöhnte sich schnell daran. Der Austausch zwischen den Mitgliedern der einzelnen Sektionen ist wichtig. So führen wir seit zwei Jahren eine "Browsing Week" durch, bei der sich Kolleginnen und Kollegen gegenseitig im Unterricht besuchen. Es ist sehr interessant zu sehen, wo es Parallelen aber auch wo es Unterschiede im Unterricht und in den Unterrichtsinhalten gibt.

Einsatz ist gefragt

Als kleine Schule mit nur wenigen deutschen Lehrkräften ist natürlich auch jeder gefordert, sich stark einzusetzen. Das bedeutet für mich als Geschichts- und Mathematiklehrer konkret, dass ich fachfremd Erdkunde, Computer- und Naturwissenschaftsunterricht erteilen muss. Ich habe auch ein Schuljahr lang Physik und Chemie unterrichtet. Genauso selbstverständlich ist es, dass ein Sekundarstufenlehrer im Vertretungsfall auch in der Grundschule aushilft. Zudem liegt die gesamte konzeptionelle Arbeit in unserer kleinen deutschen Sektion auf wenigen Schultern, so dass jeder einzelne in mehreren Gremien mitarbeitet. Auch ist die Präsenz in Ausschüssen der Taipei European School erforderlich.

Eine weitere Besonderheit an unserer Schule im Ausland ist die Zusammensetzung der Schülerschaft. Von Schülerinnen und Schülern aus rein deutschsprachigem Elternhaus über Kinder aus binationalen Ehen bis zu jenen, die zu Hause gar kein Deutsch sprechen, sind alle diese Facetten in unseren Klassen vertreten. Dies hat mir gerade am Anfang Probleme bereitet, weil es für mich sehr schwer einzuschätzen war, wie gut die Schülerinnen und Schüler aufgrund ihrer Sprachfertigkeit dem Unterricht folgen konnten und können.

Wir arbeiten in der Sekundarschule schulformübergreifend, es sind also Gymnasiasten, Real- und Hauptschüler im selben Klassenverband und sie werden dort ihrer Schullaufbahn entsprechend unterrichtet. Dieses hohe Maß an Differenzierung bedingt einen hohen Arbeitsaufwand und es ist ein ständiger Angelpunkt der Unterrichtsvorbereitung. Oft kommt es vor, dass man für eine Unterrichtseinheit zwei oder drei verschiedene Arbeitsaufträge mit Zusatzmaterialien wie Vokabellisten je nach Schulform und Deutschfertigkeit erstellt. Da macht es dann auch keinen Unterschied, ob man zahlenmäßig kleine oder große Klassen hat, die Arbeit für ein Aufgabenblatt ist die selbe, egal ob es nachher zehn Schülerinnen und Schüler oder nur ein Schüler oder eine Schülerin bearbeiten.

Das klingt nach viel Arbeit und das ist es auch. Würde ich es trotzdem noch einmal machen? Sofort!

Daniel Engler