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Internationale Begegnung - als Lehrerin in St. Germain-en-Laye

Datum 08.07.2014

Anne Neubauer arbeitet seit August 2012 als Auslandsdienstlehrkraft am Lycée International in St. Germain-en-Laye, Frankreich

Als ich für mein Bewerbungsgespräch zum ersten Mal das Lycée International in St. Germain-en-Laye betrat, war ich von der Größe dieser Schule beeindruckt: Ihre Gebäude liegen im Westen der Stadt in einem ehemaligen Schlosspark verteilt. Am Ende des Geländes steht das imposante Château d’Hennemont, das ebenfalls zur Schule gehört. Als ich in die deutsche Abteilung ging, hörte ich auf den Gängen sechs verschiedene Sprachen.

Die Internationalität der Schule hat mich sofort gereizt, als ich von der freien Stelle in St. Germain hörte. Das Lycée International besteht seit 1952 und ist eigentlich einmal eine NATO-Schule gewesen, bis Frankreich sich entschied, der NATO den Rücken zu kehren. Daraufhin wurde die Schule umstrukturiert und zunächst mit sechs internationalen Abteilungen weitergeführt. Daraus sind inzwischen 13 Abteilungen aus der ganzen Welt geworden. Von der Vorschule bis zum OIB (französischer Baccalauréat mit internationalem Zusatzabschluss) besuchen 3.500 Schülerinnen und Schüler diese Schule.

Studienberatungstag am Lycée InternationalQuelle: Anne Neubauer

Die Idee der Internationalität wird vor allem in den Schulklassen Realität: In jedem Jahr werden die Klassen 6 bis 12 neu zusammengesetzt mit Schülerinnen und Schülern verschiedener Nationalitäten. Alle besuchen den französischen Fachunterricht (Mathe, Fremdsprachen, Sport usw.) gemeinsam. Zu meinem Unterricht in die deutsche Abteilung kommen die deutschen Schüler und Schülerinnen eines Jahrgangs. Jede Abteilung bietet Unterricht in Literatur und Geschichte/Politik an. Wir haben so viele deutsche Schülerinnen und Schüler (etwa 600), dass die Jahrgänge dreizügig sind, wobei noch zwischen zwei Sprachniveaus unterschieden wird. Die sehr guten Muttersprachler machen das OIB, die guten das Deutsche Sprachdiplom in Kombination mit dem französischen Bac.

Internationale Begegnung

Amerikaner, Russen, Dänen, Briten oder Polen – sie alle begegnen sich hier. Jede Abteilung organisiert einmal im Jahr einen Cocktail für Lehrer und Eltern: Diese Abendveranstaltungen gehören zu den beliebtesten im Schuljahr. Der deutsche Cocktail kommt immer besonders gut an – denn da gibt es Würstchen und Bier.

Mittlerweile kenne ich fast alle großen Feiertage verschiedener Nationen: Das amerikanische Thanksgiving wird mit einem Truthahnessen in der Kantine begangen, das schwedische Santa-Lucia-Fest beschert uns feenhafte Gesänge von verkleideten und bekränzten Mädchen, die portugiesische Nelkenrevolution wird genauso zelebriert wie das deutsche Sankt-Martins-Fest (das übrigens die Portugiesen auch feiern, deswegen ist das an unserer Schule eine deutsch-portugiesische Großveranstaltung).

Mein Unterricht findet nicht nur im Lycée International statt, sondern ich fahre zwischen zwei bis drei Schulstandorten hin und her, da die deutsche Abteilung noch zwei Partnerschulen hat: Das Collège Les Hauts Grillets in St.-Germain-en-Laye und die École primaire Charles Bouvard im Nachbarort Fourqueux.

Am Trocadero in ParisQuelle: Anne Neubauer

Das heißt, ich arbeite nicht nur mit Spaniern, Dänen oder Italienern unter einem Dach, sondern auch die Arbeit mit den Vorschul- und Grundschullehrkräften ist mit der meinen verknüpft. Das ist eine interessante Erfahrung: Wann hat man schon einmal in Deutschland die Gelegenheit, einen Schüler im Verlauf einer 15-jährigen Entwicklung zu sehen?

In der deutschen Abteilung arbeiten 19 Kolleginnen und Kollegen, davon sind fünf Auslandsdienstlehrkräfte (ADLK) und die übrigen sind Ortslehrkräfte (OLK). Wir organisieren in diesem kleinen Rahmen das, was in Deutschland in großen Kollegien auf vielen Schultern verteilt ist: eine Berlinfahrt mit den 10. Klassen, ein deutsch-polnisch-französisches Seminar für die 8. Klassen in Bad Urach, Austauschfahrten nach Aschaffenburg, der Partnerstadt von St-Germain-en-Laye, und nach Frankfurt sowie zwei Theater-AGs.

Durch die Arbeit am Lycée International lerne ich einmal im Jahr auch Kollegen von anderen deutschen Abteilungen in Frankreich kennen. Es gibt nämlich zum Beispiel auch deutsche Abteilungen an internationalen Schulen in Valbonne oder in Ferney-Voltaire. Den internationalen Teil der Prüfungen auf Deutsch legen alle Lehrer aller deutschen Abteilungen in Frankreich fest. Dazu findet jährlich eine Konferenz statt. Danach reichen wir Vorschläge zur Prüfung bei den deutschen und französischen Behörden ein.

Wissbegierige Schülerinnen und Schüler

Ich bin immer wieder erstaunt, wie wissbegierig und freundlich die Schüler hier sind. Wir haben eine sehr motivierte, leistungsbereite Schülerschaft. Der deutsche Unterricht wird wegen seiner Methodenvielfalt von den Schülerinnen und Schülern sehr geschätzt, außerdem sitzen in den – im Vergleich zu den internationalen – kleinen deutschen Klassen Jugendliche, die sich zum Teil seit der Vorschule kennen. Das schafft eine sehr familiäre, offene Atmosphäre, in der das Unterrichten Spaß macht. Immer wieder gibt es auch Gelegenheiten, mit den Schülern nach Paris zu fahren: zum Beispiel, um hochkarätige deutsche Gastspiele im Theater anzuschauen oder um auf den Spuren deutscher Schriftsteller einen literarischen Stadtspaziergang zu unternehmen.

Die Schülerinnen und Schüler haben ganztägig Unterricht und nur eine einstündige Mittagspause. Den ganzen Tag lang wechseln Hunderte in den Fünfminuten-Pausen die Räume, denn es gibt keine Klassenzimmer. Leider haben auch die Lehrerinnen und Lehrer keine großen Pausen, was ich am Anfang gewöhnungsbedürftig fand, vor allem, wenn ich sechs Stunden hintereinander unterrichtet habe. Auch der Austausch mit Kollegen und Kolleginnen muss deswegen oft per E-Mail stattfinden.

Savoir vivre im ParkQuelle: Anne Neubauer

Das Schuljahr ist in Trimester aufgeteilt und endet an einem der drei Standorte bereits im Juni, da danach nur noch Prüfungen stattfinden. Die Notenkonferenzen am Ende jedes Trimesters finden auf Französisch statt. Jeder deutsche Lehrer muss ungefähr zehn Konferenzen besuchen, da unsere Schüler in allen möglichen Klassen sind. Das bedeutet eine enorme zeitliche Belastung. Da ich erst Französisch lerne, seit ich die Zusage für das Lycée bekommen habe, war das am Anfang eine große Herausforderung für mich. Mittlerweile finde ich es interessant zu sehen, wie sich die französischen Fachlehrer und die Kollegen aus den verschiedenen Abteilungen auf einen gemeinsamen Kommentar im Zeugnis einigen. Wenn 20 Kollegen um einen Tisch herum sitzen, ist das nicht einmal auf Deutsch leicht...

Einmal pro Woche nehme ich nun Sprachunterricht – aber das Meiste bringt mir der Alltag bei. Ich wollte immer schon die französische Sprache sprechen können, jetzt wird dieser Traum wahr.

Meine Aufgaben in der deutschen Abteilung sind neben dem Unterrichten (schwerpunktmäßig die Abiturklassen) die redaktionelle Betreuung unseres Jahrbuchs und die Studien- und Berufsberatung. Außerdem unterrichte ich bisher immer sechs Klassen von der Stufe 5 bis 12.

Stadtspaziergänge in Paris

St. Germain-en-Laye (40.000 Einwohner) ist ein schöner Ort im Westen von Paris – und keine Schlafstadt wie so manche Vorstädte hier. Es gibt eine sehr gute Infrastruktur mit vielen Restaurants, Geschäften, Ärzten, Vereinen, einem Kino und Wochenmarkt. Die Anbindung an Paris ist sehr gut: Mit der Schnellbahn RER dauert es 20 Minuten bis zum Triumphbogen. Ich versuche, das so oft wie möglich auszunutzen für Stadtspaziergänge, Opern-, Konzert- und Restaurantbesuche. Und wenn es zeitlich mal nicht reicht, nach Paris zu fahren: In St. Germain gibt es einen schönen Schlosspark mit einer Terrasse, von der man die Bürotürme von La Défense und die Spitze des Eiffelturms sehen kann.

Am Strand von Trouville in der NormandieQuelle: Anne Neubauer

Die Ferien nutzen mein Mann und ich oft, um in die Normandie zu fahren. In zwei Stunden ist man am Ärmelkanal. Mit dem Auto ist man in 20 Minuten in Versailles – man kann sich Besuchszeiten aussuchen, bei denen die Touristenmassen längst verschwunden sind.

Deutschland ist natürlich auch sehr nah – am Anfang dachte ich: zu nah. Aber diese Nähe hat Vorteile: Man kann hin und wieder an einem Wochenende mal schnell Freunde besuchen oder zu einem runden Geburtstag der Eltern oder zu einem Familienfest fahren. Der TGV bringt einen in vier Stunden nach Frankfurt. Und die Billigflieger von den Flughäfen Orly und Charles-de-Gaulle in eineinhalb Stunden nach Berlin.

Ich bin sehr nett hier aufgenommen worden und habe in vielen Gesprächen und Begegnungen einen Einblick in die französische Mentalität bekommen. Deutschland einmal aus der (nahen) Ferne wahrzunehmen, finde ich spannend. Ich lerne viel über mein Heimatland.

Anne Neubauer